Zuckerbrot und Peitsche, Götter und Natur, Mensch und Hybris

Zuckerbrot und Peitsche, Götter und Natur, Mensch und Hybris

Droht die Natur mit der Peitsche, wenn sie sich ungebärdig gibt, wenn die Wetteranomalien zunehmen und sich das Klima ändert? Und wenn sie denn drohen sollte, wem gehören ihre Drohgebärden?

Leidet die Natur?

Peitsche

Die Natur war für den früheren Menschen etwas Bedrohliches. Er wusste von seiner Abhängigkeit von der Natur, so manches an ihr konnte er sich nicht erklären. So versuchte der Mensch, Regelmäßigkeiten zu finden. Das minderte die Ängste, das wandelte die vollkommene Abhängigkeit in den Nutzen. Ein prominentes Beispiel ist Sirius, der Hundsstern der Ägypter, der ihnen die bevorstehende Nilschwemme ankündigte.

Ein zuverlässiger Indikator war der Stand der Sonne. Einer der Zwecke der steinzeitlichen Megalithanlagen war die Beobachtung des Himmels mit dem Mond und der Sonne. Chinesische Astronomen mussten den Herrschern den Zeitpunkt der nächsten Sonnenfinsternis vorhersagen respektive errechnen, auf dass die Herrscher damit ihre Macht demonstrieren konnten. Diese manifestierten sie auch bei einer Fehlleistung eines Astronomen. Der wurde um einen Kopf kürzer, wenn er die Finsternis nicht verkündete.

Was keine Regelmäßigkeiten zeigte, was sich nicht den Zyklen der Natur unterordnen wollte, machte Angst. Man denke an die Kometen, die vorgeblichen Vorboten von Unglück und Katastrophen.

Die Natur drohte mit der Peitsche.

Nutzung

Mit dem zunehmenden Wissen um die Vorzeichen der Natur, minderte der Mensch seine Abhängigkeit von der unberechenbaren und unbarmherzigen Natur. Die zornigen und strafenden Götter verloren ihre Macht.

Vormals schleuderte Zeus seine Blitze, um Menschen zu bestrafen, wenn sie sich seinem Willen nicht beugten. Was sein Wille war, bestimmten die Menschen der Macht. Heute ist es eher Zeus Frust, wenn seine Gattin Hera einen seiner unzähligen Seitensprünge aufdeckt.

Der wissende und aufgeklärte Mensch machte sich die Erde also die Natur untertan, wie ihm dies einer der einzig wahren Götter aufgetragen haben soll. Er lebte nicht mehr mit der Natur, er nutzte sie. Nutzte, benutzte und schließlich ausnutzte oder missbrauchte. Einzelne missbrauchten ihr Wissen, um andere Menschen in Angst zu halten vor den Göttern und der Natur.

Wer weiß, regiert die Welt.

Hybris

Der Natur nahm der Mensch, was er nehmen konnte, gab ihr zurück, was ihm eine Last war. Ressourcen will ich haben, du bist mir ja untertan. Meinen Abfall, auch das Plastik oder die strahlenden Reste meiner Energiegewinnung, bekommst du zurück. Schließlich bist du groß genug, um damit zurechtzukommen.

Angst machte die Natur keine mehr, es war alles geklärt, vermessen, in Naturgesetze gepresst. Auf die Zyklen der Natur war Verlass.

Den ersten Kassandras, wie das Kassandras Schicksal war, schenkte man keinen Glauben, man belächelte sie. Club of Rome, »Der Stumme Frühling« einer Biologin und dergleichen mehr? Alles Spinner, alles Schwarzseher, alles Fortschrittsfeinde. Frauen nahm man in der Zeit der ersten Kassandras ohnehin nicht ernst. Ihnen fehlte das logische Denken, sie waren so emotional, so unwissenschaftlich.

Klimawandel? Heute noch kennen manche Menschen den Unterschied zwischen Wetter und Klima nicht oder wollen ihn nicht kennen. Unmengen von Plastik im Meer, das Plastik will nicht verrotten, die Lebewesen ersticken daran oder verhungern, da ihre plastiküberfüllten Mägen keine Nahrung mehr aufnehmen können. Gut so, dann verzehren sie eben weniger Fisch, bleibt mehr für mich übrig.
Wissen könnte aber Angst bereiten, also aus den Augen, aus dem Sinn. Und wenn sich sogar Wissenschaftler und Politiker widersprechen, übersehen wir die eindeutigen Anzeichen. Es wird schon nicht so schlimm werden, wir finden Methoden und Techniken, uns die Natur weiterhin untertan zu machen.

Zur Peitsche zurück

Doch die Nachrichten mehren sich, die Berichte von den realen Naturkatastrophen verdrängen die fiktionalen Katastrophen der Filme. Die Abhängigkeiten werden deutlicher, die Kosten der Naturkatastrophen steigen. Aber nicht bei mir, das ist doch nur in der Tornado Alley, nur am Ring of Fire der Vulkane, nur in den Erdbebengebieten, nur in den Monsunregionen.

Nur in Afrika, in der alten Heimat, die wir vor Jahrtausenden schon verließen. Der Mensch ist ein Nestbeschmutzer, wenn er Afrika nicht wertschätzt. Heimat ist ohnehin ein Begriff, dessen Anwendung verdächtigt macht, wenn damit ein Land gemeint ist. Nur zu leicht könnte dies als Nationalismus ausgelegt werden. Der Mensch baut sich eine Welt, wie sie ihm gefällt oder wie sie politisch korrekt sein muss.

Die Natur zeigt kein Interesse an diesem Treiben des Menschen. Gaia macht das, was sie seit Jahrmilliarden macht; sie sorgt für ihr Gleichgewicht. Nebenbei auch für das Leben auf ihr. Aber Gaia, das ist auch nur ein esoterischer Humbug. Außer …

Außer sie respektive die Natur wird bedrohlicher. Dann ist die Natur unbarmherzig und mächtig zunächst, später grausam, unberechenbar, schicksalhaft, unfair. Sie wütet, sie schlägt zu wie vormals das blinde Schicksal.

Sie droht wieder mit der Peitsche.

Zuckerbrot im Schlaraffenland

Zuckerbrot und Peitsche bedarf in Zeiten einer mitunter übereifrigen Political Correctness einer Anmerkung. Nicht die Erziehungsmethode ist hier gemeint, die diese Bezeichnung trägt und leider immer noch anzutreffen ist. Nicht nur in der Erziehung der Kinder; diese Methode ist so manchen Führern der Gegenwart bekannt, den politischen und den religiösen.

Die Natur schwingt keine Peitsche, zumindest nicht aus Bosheit. Diese Einschränkung scheint mir erforderlich, da die Erde ein paar Massensterben erlebte, darunter einige außerirdischen Ursprungs wie Asteroideneinschläge. Eine Spezies, die zu einem solch apokalyptischen Zeitpunkt auf der Erde lebt, könnte darin eine Bosheit sehen. Die Dinosaurier hätten dies bestätigt, wenn sie solch komplexen Denkens mächtig gewesen wären.

Doch was für die Dinosaurier eine finale Peitsche und ihr Ende war, ist für die Säugetiere – bis zum Homo sapiens hin – ein Glücksfall und ein Zuckerbrot der Natur.

Homo sapiens lebt von Anbeginn an in einem Zuckerbrot-Schlaraffenland von wenigen Kaltzeiten abgesehen. Gaia gibt ihm den Raum zum Leben. Sie schützt diesen Raum vor den tödlichen Gefahren des Weltraums. Sie liefert dem Menschen alle Substanzen, die er zum Leben benötigt, vorrangig das Wasser und die Luft. So hat er genügend Nahrung, das Klima meint es gut mit ihm. Die gelegentlichen Wetterkatastrophen fallen nicht ins Gewicht; sie sind nicht das Klima.

Homo sapiens verfügt über alles, was er zum Leben und zum Genießen seines Lebens benötigt. Alles und dies im Übermaß. Er müsste es nur korrekt nutzen und ebenso korrekt verteilen.

Das Nutzen gelang ihm in alten Zeiten und Kulturen, die manch moderner Mensch heute primitiv wähnt. Dieser Mensch hält weniger vom Nutzen der Natur mit ihrem Zuckerbrot. Er zieht das Ausnutzen vor.

Das Verteilen des Zuckerbrots behagt ihm nicht. Zumindest denjenigen Vertretern dieser Spezies, die in einem grenzenlosen Schlaraffenland mit Zuckerbrot zu leben glauben.

Das Zuckerbrot der Natur ist für alle ausreichend vorhanden, auch für einige Milliarden mehr. Das schätzt die herrschende Spezies nicht, muss die Schlussfolgerung eines Außerirdischen lauten, der den Homo sapiens als eine Einheit und global betrachtet.

Denn der Mensch zieht dem Zuckerbrot der Natur die Peitschen vor. Peitschen, die er selbst …

Fortsetzung folgt …

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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