Der Wert eines Menschen

Der Wert eines Menschen

Inspiriert durch den Newsletter mit dem 364. Bild der Woche, bei dem mir ein Zitat von Henry David Thoreau einfiel:

»Wenn ein Mensch einmal einen halben Tag in den Wäldern spazieren geht, weil er sie liebt, dann besteht die Gefahr, dass er als Taugenichts angesehen wird. Wenn er dagegen den ganzen Tag als Unternehmer zubringt und diese Wälder abhakt und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, so wird er als fleißiger und unternehmungslustiger Bürger betrachtet.«
Henry David Thoreau, Die Welt und ich. Aus den Tagebüchern, Schriften und Briefen ausgewählt und übertragen von Fritz Krökel.

Aktuelle Worte, aktuelle Frage nach dem Wert eines Menschen

Henry David Thoreau, Sohn einer Industriellenfamilie in den USA, Texte aus seinen Tagebüchern der Jahre 1837 bis 1861. Worte somit, die etwa 150 Jahre alt sind. Worte, die damals beeindruckten. Oder zum Widerspruch und zum Spott führten.

Was definiert heute den Wert eines Menschen?

Es ist weiterhin der materielle Erfolg, der nicht selten mit einer noch feindlicheren Einstellung der Natur gegenüber verbunden ist. Wälder werden weiterhin abgeholzt, auch Tropenwälder, die natürliche Lunge der Erde. Rohstoffe werden abgebaut, als hätte die Erde unendlich viel davon.

Es ist auch der imaginäre Erfolg, um das Wort Erfolg zu missbrauchen. Ist es denn Erfolg, wenn Menschen mit fragwürdigen Lebensstilen im Social Media Beachtung finden, wenn sie dadurch andere zum Eskapismus anleiten?

Was definiert heute den Wert eines Menschen, ist dennoch eine falsche Frage. Korrekt lautet sie: »Wer definiert heute den Wert eines Menschen?«

Es sind nicht die Reichen allein, es sind nicht die sogenannten VIPs, es sind nicht die Mächtigen politischer oder religiöser Natur. Dies sind die Menschen, die diesen Menschen Aufmerksamkeit schenken, die sie bewundern, die ihnen nacheifern und so zu einem oft fragwürdigen Wert verhelfen.

Diese Menschen definieren, was Erfolg ist und wer erfolgreich ist.

Wer sind diese Menschen?

Bilder und die Seele

Dieser Anblick (s. Foto oben) an einem frühen Morgen rief mir wieder Thoreau ins Bewusstsein. In jungen Jahren bewundert und seine Texte verschlungen. Heute staune ich über seine visionäre Kraft, was nicht immer meiner Seele behagt. Nicht Thoreau ist der Grund jedoch; es ist der heutige Mensch. Aber es ist seine Entscheidung, wie er lebt ob als Spezies oder als Individuum. Seine Entscheidung, seine Konsequenzen. Alles gerecht also.

Bilder sollen mehr als tausend Worte sagen. Mag sein, dass dies für einige Bilder zutrifft. In Zeiten von Deepfake können Bilder mehr als tausend Worte lügen.

Obendrein bedarf es ein wenig Muse, um sich nicht nur den Worten, sondern der Seele eines Bildes zu nähern. Um in das Bild einzutauchen, sich ihm hinzugeben, es einzuatmen, es tief in sich aufzunehmen. In Museen findet man Menschen, die lange Zeit vor einem Bild regungslos verweilen, die Welt um sich herum vergessen, sich dem Bild, dem Künstler hingeben.

Es muss jedoch kein Bild eines Meisters sein, welches wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden. Es reichen Bilder der Natur, wie das der Fall ist, seit der Mensch oder seine Vorfahren des Staunens fähig sind. Seit sie sich der Natur hingeben können, über sie staunen, sich ihrer Erhabenheit ausliefern. Was natürlich voraussetzt, dass ihr eine Erhabenheit zugestanden wird, ein Wert an sich, ein Wert in ihr.

Bilder milliardenfach

Bilder werden heute milliardenfach täglich produziert und der Welt vorgesetzt. Meist reichen Sekunden, meist bedarf es noch weniger Zeit, um ein Bild als »schön« zu klassifizieren – bunt und schrill, bunter und schriller als die Natur, was Photoshop & Co. sei dank mit wenigen Klicks oder Wischern möglich ist.

Ein Like und zum nächsten Bild hasten. Zeit für die Seele eines Bildes bleibt keine übrig.

Das Gehirn lernt zu hetzen, verlernt das Staunen, das Verweilen. Es vernachlässigt das Gedächtnis, denn wozu sich etwas merken, wenn alles im Smartphone nachgeschlagen werden kann, wenn man doch das gesammelte Wissen der Menschheit mit sich trägt.

Verantwortung

Menschen, die vor einer digitalen Demenz warnen, werden verspottet. Müssen sie, arbeiten sie doch gegen diejenigen, die lieber Wälder abholzen.

Aber wieder die Frage »Wer definiert heute den Wert eines Menschen?«, um an die vorangegangenen Betrachtungen über Thoreau anzuknüpfen.

Erweitern lässt sich die Frage um den Wert dessen, womit der Mensch seine Zeit verbringt. Der Mensch als Spezies, der Mensch als Individuum. Was ist es ihm wert, seine begrenzte Lebenszeit zu verbringen. Faktisch zu opfern.

Immer gilt aber: Seine Entscheidung, seine Konsequenzen.

Ebenso gilt, dass keine App, keine Religion, keine Partei von der Seele als die Verantwortliche anerkannt wird. Schon gar nicht in Zeiten, in denen sich der Mensch informieren kann. Wenn er es denn wollte.

Passend dazu: Die kleinen Wunder des Alltags; ein Auszug aus »Glaube, Achtsamkeit und kleine Wunder; die Wurzeln der Spiritualität im Alltag«

Jan Norman, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein Jan Norman
Jan
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