Wer sonst, wenn nicht ich

Wer sonst wenn nicht ich

Inspiriert durch das 370. Bild der Woche.

Meditation

Das Gesicht in den Wind. Ein sanftes Streicheln der Haut, wärmend nur, keine Hitze des Sommers mehr, dessen glühende Übergriffigkeit ich nicht mag. Der Wind weht von dem Fluss her, ich kann so den Fluss betrachten. Tiefer noch dringt sein Rauschen ein; seines und das des Windes in den Blättern. Stehen bleiben.

Ich vergewissere mich, dass kein Feind in der Nähe ist. Den Feind muss man nicht so wörtlich verstehen, ich kann ihn auch Störenfried nennen. Ich bin an einem meiner Plätze, am Lech, an einem Fluss, der seinen Namen den Kelten verdankt. Trotz aller keltischen Wüteriche empfinde ich die Kelten friedlicher als die Römer mit ihren Kriegen. Okay, Kultur war auch dabei, aber das kann ich schmunzelnd verdrängen. Wer »Das Leben des Brian« kennt und sich des Dialogs über die Römer mit ihrer Bewässerung, den Straßen und dem anderen Firlefanz erinnert, weiß, wovon ich rede. Den Frieden hätten sie nicht gebracht, heißt es am Ende dieses Dialogs. So ist es.

Hier und jetzt entdecke ich keine Störenfriede, will heißen, weder Zwei- noch Vierbeiner in der Nähe. Die Augen schließen, sich auf das Gehör konzentrieren, auf das Spiel des Windes im Gesicht.

Ich vertraue dem Wald hinter meinem Rücken und beschließe, da sei niemand. Der Hund sitzt entspannt neben mir, er rührt sich schon im Falle eines Falles. So reicht ein kurzer Blick nach links und nach rechts. Weiterhin frei, weiterhin keine Beobachter. Ich lege die Leine auf den Boden, stelle meinen rechten Fuß drauf, schließe die Augen, breite meine Arme aus. Das Wasser flüstert, der Wind flüstert. Flugs flüstern auch meine Gedanken, was für mich Meditation bedeutet. Meditieren kann ich nur, indem ich alle Geräusche und Gedanken, die der Kopf registriert, Geräusche und Gedanken sein lasse. Diesmal gelingt es mir.

Verstand

Zumindest eine Zeit lang. Waren es wenige Sekunden nur, war es gar eine Minute? Ich entspannte mich, ich genoss alles um mich herum. Das zählt. Ein inneres Danke nach außen ohne einen bestimmten Empfänger. Mein Ritual seit Jahrzehnte schon, nachdem mir der einzig wahre Gott von den mehreren dieser Welt zu suspekt geworden ist.

Und schon meldet sich der Verstand, als hätte er Angst, die Kontrolle zu verlieren oder doch von einem Feind überrascht zu werden. Alles gut, sage ich ihm wissend allerdings, dass er solches nur ungern akzeptiert.

Ich öffne die Augen. Der Verstand empfiehlt mir, eine Aufnahme zu machen. Vielleicht eignet sich das für ein Bild der Woche, auch wenn das kitschig anmuten kann. Diese Bemerkung musste natürlich sein. Er soll aber recht haben, ich mache ein paar Aufnahmen.

Dass ich ihm recht gebe, reicht ihm nicht. Es scheint ein kurzer Weg zu sein von einer kitschigen Aufnahme mit seiner Verwendung als Bild der Woche zu der Frage, wie ich es textlich verkaufen wolle.

Ein Bild kann mehr als tausend Worte sagen, ein Bild kann ebenso oder besser als Worte lügen, ob mit oder ohne Photoshop. Beides kann manipulieren, werfe ich ein.

Fort war sie, die Meditation, fort die Entspannung. Dankbar bin ich für diese Augenblicke dennoch. Und das Bild, ob kitschig oder nicht, das mache ich zum Bild der Woche.

Manipulation

Anno dazumal hieß es in der Werbebranche »Sex sells«. In Zeiten von #MeToo und anderer Political Correctness ist es schwieriger geworden, damit die Konsumenten der Waren und der Nachrichten zu manipulieren. Die neue Methode ist jedoch da, wobei neu ist sie nicht. Bereits die Moritatensänger wussten darum. Moritat geht sprachlich auf den Mord zurück. Also schlechte Nachrichten, Nachrichten, die Angst verbreiten, die Entsetzen hervorrufen. Doch sind nicht die Moritatensänger die Erfinder dieser Nachrichtenwirkung. Die Anziehungskraft der schlechten Nachrichten ist eine uralte Empirie.

Heute werden die Moritaten nicht von Bänkelsängern verbreitet, sondern unvergleichlich schneller und effizienter durch die Medien – die etablierten und die sozialen. So heißt ihre Handlungsmaxime heute:

Bad news are good news.

Schlechte Nachrichten sind gut, da sie sich besser verkaufen. Was jedoch falsch ist, da damit die Verantwortungsverschiebung auf die Nachrichten versucht wird. Verantwortlich für die Bevorzugung schlechter Nachrichten sind jedoch nicht die bad news, nicht die Nachrichtenmacher. Es sind ihre Konsumenten.

Für eine bessere Welt kann man sorgen. Es beginnt mit der eigenen Welt, was enorm viel bedeutet, was Kraft gibt, was die Zuversicht nährt, mit den Problemen fertig zu werden. Was eine Keimzelle sein kann, ein Beispiel, eine Ermunterung für andere. Was das Herz und die Seele erfreut und stärkt. Und eine Methode, mit der besseren Welt zu beginnen, ist ein verantwortungsvoller Nachrichtenkonsum, zu dem ein gesundes Misstrauen den Nachrichten gegenüber gehört. Man muss nicht alles wissen, man muss nicht alles sofort wissen. Das ist ohnehin unmöglich.

Es gibt die guten Nachrichten. Ihr Problem ist vergleichbar mit dem Problem der Lautstärke der Menschen. Am lautesten schreien die Verbreiter schlechter Nachrichten und schlechter Stimmungen. Vielleicht hilft zu bedenken:

Die lauteste Meinung hat für gewöhnlich nicht die leiseste Ahnung.
(Quelle unbekannt).

Für die Qualität seiner Welt kann und muss ein jeder Mensch selbst sorgen.

Wer sonst, wenn nicht ich.

Jan Norman, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein Jan Norman
Jan
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