Vertraute Plätze

Burgruine Weißenstein

Inspirationsquelle: Bilder der Woche

Ausnahmsweise mal keine Aufnahme aus meiner vertrauten Umgebung, obendrein eine alte. Nicht so alt wie die Burgruine, dennoch sind es drei Jahrzehnte her. Damals eine mir vertraute Gegend und ein zu jeder Jahreszeit vertrauter Platz. Immer hatte ich solche Plätze, die ich »meine Plätze« nannte. Ausruhen, Nachdenken, in mich hineinfühlen, mich sammeln, die Wunden versorgen, die das Leben schlug – oder mein Lernen via Umwege.

Umgezogen bin ich oft vor meiner Augsburger Zeit. Immer fand ich jedoch einen neuen meinen Platz. Ebenso in Augsburg, eher leicht abseits der Stadt und recht unzugänglich ergo nicht allgemein bekannt. So ist dies kein Nachteil, dass es keine Burgruine an meinem Platz gibt. Er gibt dafür einen Baumstumpf, eine Baumruine, wenn man es so nennen will. Hier kann ich verweilen und in mich gehen. Sofern es kein Ameisenjahr ist, in dem die Ameisen den Baumstumpf für sich beanspruchen. Ich weiß nicht, warum die Ameisen nicht jedes Jahr diese Residenz beziehen. So können wir aber unser Plätzchen teilen.

Und teilen müssen wir diesen Platz der einzigartigen Speisevorlieben Bonos wegen. Er ist ein Hund, der leidenschaftlich gerne Joghurt, Karotten oder anderes knackiges Gemüse verspeist. Ein Vegetarier ist er dennoch nicht, was sich leider in seiner Vorliebe für Ameisen manifestiert. Er visiert eine Ameise an, schleckt sie mit seiner Zunge weg und sucht die nächste. Verständlich, dass ich in den Ameisenjahren diesen Baumstumpf meide.

Mein alter Platz auf dieser Aufnahme ist mit einem Schriftsteller verknüpft, der in einem Haus in unmittelbarer Nachbarschaft der Burgruine lebte. Es ist nicht sichtbar, da es die Erhebung im Vordergrund verdeckt. Ursprünglich ein Getreidespeicher, dann ein Wohnhaus eben, heute ein kleines Museum. Aber immer noch unter dem Namen bekannt, auf den ihn dieser Schriftsteller taufte: das Fressende Haus.

Vermutet jemand eine Horrorgeschichte mit verschwundenen Menschen, muss ich ihn enttäuschen. Das Haus fraß keine Menschen oder andere Lebewesen. Das Geld des Schriftstellers war es, welches der kostspielige Unterhalt des Hauses fraß.
Sympathisch, da es ihm gelang, in dieser Gegend begraben zu werden, nicht auf einem Friedhof. Die Aufnahme machte ich in unmittelbarer Nähe seines Grabes. Sympathisch weiterhin, da es ihm gelang, mit seinen Hunden begraben zu werden. Siegfried von Vegesack hieß der Mensch, der bis 1974 das Fressende Haus bewohnte.

Nüchtern betrachtet, hat ein Grab nur einen symbolischen Charakter. Verlässt die Seele den Körper, ist es nicht relevant, was im Grab liegt. Der Körper hat seinen Dienst getan, mal gut, mal weniger gut.

Wer aber will das beurteilen aus seiner menschlichen und körperlichen Perspektive heraus?

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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