Unbefriedigende Interspezies-Kommunikation

Vogel-Kommunikation

Ein lautloser, menschenfreier Morgen auf einem schmalen Pfad zwischen Feld und Bäumen entlang. Unvermittelt zerreißt diese Stille eine uncharmante Stimme von dem Baum herab, an dem ich gerade vorbeigehe. Eine Krähe. Sie ist leicht zu finden, ich muss nur ihrem Gesang folgen (ja, Krähen gehören den Singvögeln an). Es kommt mir augenblicklich Hitchcock in den Sinn mit seinem Suspense in »Die Vögel«. Kontrolle ist gut, Paranoia ist besser und so sehe ich mich um. Alles gut, keine weiteren Vögel im Anflug. Ich zupfe sanft an Bonos Leine, wir gehen weiter.

Ein Geräusch hinter mir; es muss ein großer Vogel sein. Ich nehme seitwärts etwas Dunkles wahr und folge dem. Wieder eine Krähe, die sich auf dem Baum niederlässt, von dem mich nur wenige Meter trennen. Die Krähe von dem Baum davor? Ich inspiziere den ersten Baum: vogelfrei. Ich gehe auf den nächsten Baum zu, postiere mich unter dem Vogel und frage ihn: »Bist du der Komiker von vorhin?« Ich muss schmunzeln. Der Vogel neigt seinen Kopf, sieht mich schräg an und beginnt erneut mit seinem lauten Gesang. Ich sage ihm, er solle sich etwas anderes einfallen lassen, Hitchcock zu kopieren sei nicht sonderlich kreativ. Gesagt, Leine kurz angezogen, weiter geht es.

Und wieder das Flattergeräusch. Jetzt drehe ich mich sofort um und erkenne zweifelsfrei, es ist derselbe Vogel. Er fliegt den nächsten Baum an, den dritten also, setzt sich nieder und schreit mich weiter an. Ich mache mit, gehe bis zum Baum hin, blicke den schwarzen Gesellen von unten an. Neben Hitchcock denke ich an Otfried Preußlers Krabat. Ich rede mit ihm. »He, du, Krabat, Hitchcock oder weiß die Krähe was. Ich bin nicht Franz von Assisi, ich verstehe dich nicht, der Braune neben mir auch nicht. Also red’ mal so, dass ich dich begreife, oder ziehe deine Wege.« Keine Reaktion, der Vogel setzt seine Schimpftirade fort. Zumindest interpretiere ich das so angesichts meiner Unkenntnis der Vogelsprache. Und gehe weiter.

Soll es mir jetzt doch unheimlich werden? Kaum ein paar Schritte gemacht, nehme ich das bekannte Geräusch wahr. Der hartnäckige Vogel fliegt den nächsten Baum an. Die Nummer vier. Ich entschließe mich zu einer Fortsetzung meines Geschwätzes mit ihm, Verständigungschancen hin oder her. Zu dem Vogel gewandt, denke ich laut nach: »Ich tue dir nichts. Du beschützt kein Nest oder deine Jungen, Menschen kennst du und ein Labrador hat kein Interesse an dir, gucke dir nur Bono an, dann weißt du, dass er dich ignoriert. Was soll also dein Geplärre?« Er schreit unbeirrt weiter.

Schade, denke ich mir, dass ich die Tiere nicht verstehen kann. Aber könnte ich das, wäre ich nicht allein mit dieser Fähigkeit. Wer weiß, wie andere Menschen diese Fähigkeit missbrauchen würden. Zu Bono gewandt: »Wir gehen weiter, der unheimliche Vogel verfolgt uns nicht mehr.«

Das ist eine Täuschung; der Vogel folgt uns. Es ist der fünfte Baum, von dem herab er seine hoffnungslose Kommunikation fortsetzt. Ich lächle nicht mehr, ich frage mich nach dem Grund seines Verhaltens. Es muss einen Grund geben, beschließe ich. Doch ist er mir ebenso ein Rätsel, wie der Inhalt seiner Reden. Es ist eine neue Erfahrung trotz meiner vielen Jahre intensiver Vogelbeobachtungen der früheren Jahrzehnte.

Ich denke über die Kommunikation zwischen den Spezies nach. Bono stellt sich auf eine längere Pause ein, gibt sich der olfaktorischen Erkundung des Grases hin und einer weiteren Tätigkeit, die für eine andere Spezies typisch ist. Er genießt frische Grasspitzen.

Den Vogel ruft jemand aus seiner Spezies vom benachbarten Feld an. Mein schwarzer Kurzzeitbegleiter verlässt uns und fliegt zu den Seinen hin. Das erst vor einem Tag gepflügte Feld ist wohl interessanter. Oder eine der Krähen darauf, die kommunikativ nicht so beschränkt ist, wie ich. Die ihn versteht.

Das Ende finde ich unbefriedigend. Keine Verständigung, nicht die Spur einer Idee, was das Verhalten des Vogels bedeuten könnte.

 
Kann mich jemand bezüglich dieses Vogelspiels erhellen?

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Das Foto nahm ich auf dem vierten Baum des Vogels auf. Meist neigte er den Kopf zu mir herunter, was aber dazu führte, dass die Blätter den aufgesperrten Schnabel verdeckten.

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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