Tradition mit Fortschritt statt Tradition versus Fortschritt
(mit Donald Trump)

Seelengeflüster des Monats

Er griff nach dem spirituellen Himmel. Dass ihm die Basis dafür fehlte, merkte er, als er wieder Seele wurde.
Jan Schneider
(Mit dem Himmel ist nicht Donald Trump gemeint.)

Tradition

Traditionalisten, Biedermänner, Spießer, Konservative; das sind die netteren Umschreibungen der Menschen, die sich Traditionen verpflichtet fühlen. Eine Steigerung ist aber möglich: Tugendbolde, Moralapostel, Gestrige oder ewig Gestrige, Reaktionäre, Schwarzseher. Sie wollen zurück in die alte Zeit, sie verdammen und verhindern den Fortschritt.

Das Wort Tradition entstammt dem Lateinischen »tradere« – übergeben, überliefern. Ein kleines Gedankenspiel: Wie lebten wir ohne Tradition, ohne Überlieferung, ohne Erfahrungen unserer Vorfahren?

Jeder Mensch müsste in jedem Leben das Rad neu erfinden. Das Rad und viel mehr; eigentlich alles, worauf wir in unserem Leben zurückgreifen. Denn Tradition bedeutet auch Übergabe, beispielsweise die Übergabe des Wissens an andere.

Tradition, das sind auch die Konventionen, Riten oder Sitten einer Gesellschaft. Wer mag in einer sittenlosen Gesellschaft leben?

Fortschritt

Fortschrittsmenschen, Forscher, Entdecker. Progression, Wachstum, Entwicklung, Expansion. Eine schöne, moderne, positive Welt im Vergleich zu den Traditionalisten.

Hat die Expansion keine Schattenseiten? Die erste Welt expandierte auf Kosten anderer Länder; sie mordete, wenn sich die Wilden der Expansion widersetzten, wenn sie den Segen der Zivilisation nicht erkannten. Sie mordete auch, wenn sie an der Expansion ihrer Religion und ihres Gottes der Liebe arbeitete.

Das Goldene Kalb Wachstum zwingt zum ständigen Wachstum. Sogar wenn es stagniert, spricht der Mensch vom Nullwachstum und verdrängt damit seine Ängste.

Und Fortschritt also Wachstum ohne Basis also ohne Tradition?

Wissen und Fortschritt und einfache Weltbilder - wie Donald Trump

Wohin gehört das Wissen, wohin gehört Wissenschaft – zur Tradition oder zum Fortschritt?

Das rasante Wissenswachstum wächst viele Menschen über den Kopf. Doch sie finden schon die passenden Erklärungen, um sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Und weil die Welt komplex geworden ist, weil Computer sie so komplex machen, kann ich sie gar nicht verstehen und baue mir meine eigene Welt aus alternativen Fakten. Wer anderes behauptet, verbreitet Fake News.

So einfach ist das Weltbild einiger überforderter Menschen. Sogar der mächtigste Mann der Welt, aktuell glaubt Donald Trump daran, gehört dieser simplifizierenden Spezies an. Und wer Computer zur Ursache macht, vergisst offensichtlich, dass sie Menschenwerk sind.

Alles wissen

Muss ich alles wissen und am besten sofort? Muss ich sofort erfahren, was meine elektronischen Freunde gerade liken? Muss ich sofort wissen, welche Schuhe, Kleider, Haare bei den Celebrities gerade angesagt sind? Muss ich alle Schimpftiraden der Politiker erfahren?

Was ändere ich in meinem Leben, wenn ich nicht all das sofort erfahre? Was ändert sich, wenn ich das gar nicht erfahre, wenn ich mich darauf konzentriere, was zu meinem Leben gehört?

Es ändert sich vieles – zum Positiven hin. Ich habe mehr Zeit für mich und die wahren Freunde. Klarheit ist nicht ein frommer Wunsch, sondern immer wieder erlebte Realität. Entschleunigung ist ebenfalls Erlebtes, nicht nur ein schönes Wort, ein erstrebenswerter aber unerreichbarer Zustand.

Moderne Ängste

Existenzielle Ängste begleiten uns Menschen, seit es uns gibt; existenzielle Ängste waren allen unseren Vorfahren eigen. Ohne Ängste hätte keine Spezies überlebt, Ängste sind einer der Garanten des Überlebens.

Solche genetischen Programme können jedoch nicht in einigen Inkarnationen umprogrammiert werden. Haben wir keine Ängste, suchen wir sie, da das genetische Gedächtnis diese Ängste zum Überleben benötigt. Daher unser Interesse an Horrorfilmen. Oder Horrornachrichten.

Schlechte Nachrichten verkauften sich schon immer besser als gute; das ist keine Erfindung unserer Zeit. Moritatensänger, die über Gutes berichten? Und wenn sie damaliges Gutes verbreiten wollten, brauchten sie eine schaurige Basis dazu.

Die modernen Nachrichtenmacher müssten dumm sein, würden sie auf diese alten Mechanismen verzichten. Sie könnten zwar menschlicher und ethischer handeln und sich der anderen Seite der Welt zuwenden. Dann wäre aber das Wachstum der Nachrichtenagenturen, der elektronischen Ersatzfreunde, des eigenen Egos gefährdet. Also posaune ich alles in die Welt hinaus, was diesen Zwecken dient. Auch wenn ich mich für den mächtigsten Mann der Welt halte. Wer das hinterfragt, erkennt, welch erbarmungswürdiger Mensch da um Hilfe schreit.

Der Volksmund zweifelt an der Möglichkeit, dem Dummen die Dummheit zu erklären. Das Rechtssystem, die Psychologen oder Psychotherapeuten wissen, dass sie den Menschen nicht erreichen, wenn ihm die Einsichtsfähigkeit fehlt.

Und so trompeten die heutigen Trumps und Erdogans, bis sie das Leben einholt oder die Seele einen Schlussstrich zieht.

Tradition und Fortschritt, Geist und Materie

Je mehr sich der Mensch dem Schönen in der Welt zuwendet, desto schöner sein Leben. Das Leben in seiner unmittelbaren Welt und in der Welt weiter draußen.

Wer suchet, der findet – auch das Schöne, sagte die Bibel.

Wer lange in einen Abgrund blickt, in den blickt der Abgrund hinein, sagte Nietzsche. Der moderne Abgrund ist der unkontrollierte, ungefilterte Nachrichtenkonsum, die Sucht danach, die Angst davor, Wichtiges zu verpassen.

Die Kunst besteht allerdings in der Unterscheidung zwischen dem unnötigen Wissen und dem nützlichen, dem wirklich wichtigen. Diese Unterscheidung gelingt, wenn ich selbst daran arbeite. Sie gelingt nicht, wenn ich sie anderen Menschen und zunehmend den Apps überlasse und der Werbeindustrie.

Diese Kunst gelingt leichter, wenn ich verbinde. Ich meine nicht gleich die hehre Verbindung von Kopf und Herz oder von Oben und Unten. Ich meine die Verbindung von Tradition und Fortschritt.

Ohne Tradition kein Halt im Leben; die Tradition ist die Basis.

Ohne Tradition kein Fortschritt; der Fortschritt basiert auf den Erfahrungen, auf der Tradition.

Ohne Fortschritt kein Lernen; das wissen alle Seelen. Ihr oberstes Lernziel ist allerdings die Liebe. Die Liebe finden sie nicht in den schlechten Nachrichten.

Sogar die vehementen Vertreter des Fortschritts lernen Schritt für Schritt die Richtigkeit der Tradition. So häufen sich die Meldungen über neue wissenschaftliche Nachweise der Wirksamkeit von Heilpflanzen – der traditionellen Phytotherapie.

Eines Tages wird auch das Wirkprinzip der Homöopathie wissenschaftlich nachgewiesen werden. Dazu ist aber ein reiferes Wissen über die Rolle der Informationen erforderlich. Wer das heute weiß, spricht von Materie und Geist. Und er weiß über die Bedeutung des Körpers für die Seele.

Nicht Geist oder Materie, sondern Geist und Materie. Nicht von Fortschritt versus Tradition, sondern von Tradition und Fortschritt.

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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Jan Schneider, Autor

 

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