Kelten und Kirche - vom Maibaum und von Vorbildern

Spiritualität - ihre und unsere Wurzeln; Teil 7

Spiritualität

Im letzten Beitrag der Reihe über die Spiritualität und ihre Wurzeln, die zugleich auch zu unseren Wurzeln gehören, war von spirituellen Arbeitern die Rede und davon, dass wir, sofern wir im Rahmen unserer Möglichkeiten die Spiritualität im Alltag integrieren, uns auch als Lichtarbeiter bezeichnen können, falls dieser Begriff gefällt.

Spiritualität leben – gestern und heute

Die Spiritualität ist seit Menschengedenken eine der Wurzeln des Lebens. Leider war es nur wenigen Generationen oder Inkarnationen vergönnt, die Spiritualität bewusst und frei zu leben, sie in das Leben, auch das alltägliche, zu integrieren. Unzählige Generation und Inkarnationen wurden vom nackten Lebenskampf geprägt und auf eine Art und Weise gelebt, die heute nicht mehr nachvollziehbar grausam oder sinnlos erscheint.

Es war ein hartes Lernen mit der Peitsche, welches in der Vergangenheit offenbar notwendiger war. Wir dürfen jedoch nicht über die vergangenen Zeiten und ihre Menschen leichtfertig urteilen; wir würden damit uns selbst richten und verurteilen. Eine reife Seele weiß, dass sie als Opfer und als Täter lebte (s. »Seelenpartner als Opfer und Täter - Liebe, wo sie nicht vermutet wird«, Link unten), denn so konnte sie die Polaritäten allumfassend lernen, um sich reifer geworden, dem zuzuwenden, was sie als gut und richtig erkannt hat.

So trugen und tragen ein jeder Mensch und eine jede Seele dazu bei, dass das Lernen immer leichter und lichter also von Liebe geleitet wird, und dass wir nicht mehr so sehr durch die Peitsche eines vermeintlich ungerechten und unbarmherzigen Schicksals lernen, sondern mit der Liebe und dem Begreifen der Zusammenhänge von Ursache und Wirkung.

Der Maibaum: Fruchtbarkeit mit einer »bösen« Symbolik

Das Leben der Spiritualität im Alltag erleichtert das Bewusstsein ihrer Wurzeln. Diese Wurzeln sind nicht in einem ominösen Himmel zu finden, sondern ebenfalls in dem Alltag, in der Tradition, in der Rückbesinnung auf das Wissen und den Glauben unserer Ahnen. Solche Wurzeln überzeugen auch den Verstand und bieten uns eine Basis, mit der wir mit den Stürmen des Lebens souveräner umgehen können.

Greifen wir nur ein kleines Beispiel heraus – den Maibaum. Der Maibaum wird mit Tanz, Ausgelassenheit, dem Mai eben und der der Liebe oder der Lebensfreude assoziiert. Die Fruchtbarkeit, die er ebenfalls symbolisiert, bezieht sich auf die zu dieser Jahreszeit aufblühende Natur.

So weit, so gut, so wunderbar. Wenn wir jedoch die ursprünglichere Symbolik beachten, uns den Kelten mit ihrer Spiritualität zuwenden, die zu den ältesten Wurzeln Europas gehören, bekommt die Symbolik des Maibaums für manche Moralwächter einen anrüchigen Charakter. Die Kelten feierten an Beltane nicht nur die Fruchtbarkeit der blühenden Natur. Beltane war die Feier der fruchtbaren Vereinigung von Himmel und Erde, von Gott und Mensch.

Und der Vereinigung von Mann und Frau, was offensichtlich wird, wenn der Baum als das männliche und der Kranz als das weibliche Symbol betrachtet wird. Die Vereinigung von Mann und Frau, die der Fruchtbarkeit dient, bedarf nun keiner weiteren Erklärung mehr. Der Baum als der Phallus und der Kranz als die Vulva zeugen von einem natürlichen Umgang mit der Sexualität.

Wer Leben darin sehen will, sieht das Leben und schenkt seine Energien dem Leben.

Wer Böses darin sieht, sieht das Böse und schenkt seine Energien dem Bösen. Ein unnatürlicher und die menschliche Natur verteufelnder Umgang damit, ist keine Spiritualität und erzeugt nichts Gutes. Die sexuellen Missbräuche in Kreisen der Moralwächter sind ein deutlicher Beleg dafür.

Institutionen und Spiritualität

Es gibt sehr viele Bereiche, in denen Institutionen notwendig sind und für mehr Menschlichkeit sorgen. Die Polizei, zumindest in einem Rechtsstaat, oder andere Beamte gehören beispielsweise dazu. Nicht auszudenken, wenn heute schon jeder Mensch nach Gutdünken hätte schalten und walten können. Bis es soweit ist, haben wir noch sehr viel zu lernen.

Natürlich sind die rechtsstaatlichen Institutionen eine menschliche Einrichtung, ergo nicht perfekt. In einem Rechtsstaat besteht allerdings die Möglichkeit von Widersprüchen und Revisionen. Anders hingegen verhält es sich bei Institutionen, deren zentrales Anliegen der Machterhalt geworden ist, bei denen den noch so wundervoll verpackten Erklärungen zum Trotz nicht der Mensch und die Liebe den Mittelpunkt des Wirkens bilden.

Diese Institutionen konnten sogar im Namen eines Gottes Menschenfeuer entfachen. Welch schrecklicher Kontrast zu den Fruchtbarkeitsfeuern!

Institutionen – und dennoch spirituelle Vorbilder

Und dennoch dürfen auch die Institutionen, die Spiritualität so missbraucht haben und es immer noch tun, nicht pauschal als schlecht betrachtet werden. Es muss dabei differenziert werden; eine undifferenzierte Haltung wäre nicht besser, als die dieser Institutionen. Und nicht zu vergessen: Auch die größte Institution besteht aus Menschen.

Es gibt einige Vorbilder in der Geschichte der Kirche, deren Vorbildkraft nichts an ihrer Gültigkeit eingebüßt hat, sondern eher im Gegenteil, immer stärker in das Bewusstsein der Menschen tritt. Ich mag nur zwei Beispiele nennen, die stellvertretend für die vielen anderen Namen stehen mögen: Hildegard von Bingen und Franz von Assisi. Ökologie, Gaia-Hypothese, gesunde und ethische Ernährungsweisen und mehr sind keine Erfindungen unserer Zeit. Wir leben lediglich in Zeiten, in denen spirituelle Prinzipien im Bewusstsein immer mehr Menschen vorhanden sind und im Alltag verwirklicht werden können.

Es ist jedoch unsere Entscheidung, ob und wie wir diese Vorbilder bei der Gestaltung unseres Lebens berücksichtigen. Und es ist und bleibt unsere Verantwortung, die wir nie nach außen werden verlagern können. Outsourcing mag ein gutes Prinzip in der Wirtschaft sein. Mit der Eigenverantwortung kann jedoch kein Mensch so verfahren.

Es ist daher unsere Wahl und unsere Entscheidung, ob wir uns durch die Ängste oder Drohungen mit einer Verdammnis – sogar der ewigen(!) – einschüchtern lassen, oder ob wir wirklich spirituell und verantwortungsvoll leben.

Wenn wir bei der Betrachtung dieser Institutionen zwischen der Institution und der Spiritualität differenzieren, öffnet uns das die Augen und die Herzen für die Vorbilder und das Gute darin, welches aber im Regelfall nur bei einzelnen Menschen gefunden wird.

Vorbilder heute

Dieser Einzelne kann sogar sehr aktiv in einer Institution mitwirken und dennoch seine Eigenständigkeit und seinen kritischen Verstand bewahren. Ein Beispiel ist Karl Rahner, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und Jesuit, wie der gegenwärtige Papst Franziskus auch. Der Status eines Jesuiten allein reicht jedoch nicht aus, um ein Vorbild zu werden; das muss mit dem eigenen Leben erarbeitet werden.

Karl Rahner ist ein subjektives Beispiel, wie Hildegard von Bingen und Franz von Assisi auch, ein Beispiel ist er dennoch. Und wenn eine Schwalbe den Sommer nicht machen kann, ankündigen kann sie ihn sehr wohl.

So darf jeder Mensch seine Vorbilder innerhalb und außerhalb von Institutionen suchen und sich nach ihnen richten, denn kein anderer Mensch und kein Gott wird über sein Leben urteilen, wenn wieder mal die Rückschau auf eine Inkarnation ansteht. Es wird die Seele selbst sein, die das Leben und Wirken dieser Zeit klar und ohne Ausreden, Erklärungen oder Verdrängungen betrachten wird.

Hier wird es ebenso klar sein, dass nur wir selbst für unser Leben und Wirken verantwortlich sind, dass kein „Ja, aber der oder die hat doch gesagt, …“ gilt. Was der oder die in ihrem Leben gesagt oder getan haben, haben ebenfalls nur der oder die zu verantworten. Wir werden nicht über sie richten. Sie nicht über uns.

Mit dieser spirituell-gereiften Haltung können wir unsere eigenen Vorbilder sein, denn wir und unsere Seelen wissen es – vollkommen sind wir nicht und zum Lernen sind wir da. In jeder Inkarnation.

Wie Jesus sagte „Glückselig aber eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören“ (Matthäus 13.16). Aber das sei nur möglich, wenn das Herz nicht „dick geworden“ ist. So betrachtet kann auch Antoine de Saint-Exupéry zum Vorbild werden; nicht nur weil er seinen Fuchs in „Der kleine Prinz“ ähnlich wie Jesus sprechen lies, indem der Fuchs auf das Herz hinwies, mit welchem wir gut sehen können (s. auch »Ein Plädoyer für das Krafttier Fuchs - Ein Lehrmeister des Herzens«, Link unten).

Antoine de Saint-Exupéry riskierte sogar sein Leben im Dienste seiner Ideale. Soweit müssen wir, Mensch und Gott sei Dank, nicht mehr gehen. Mit einer wahren spirituellen Haltung können wir dafür sorgen, dass dies nicht mehr erforderlich sein wird. Eine Schwalbe kann den Sommer ankündigen. Aber ihn auch machen, wenn sie zu einem Vorbild für andere Schwalben werden wird.

Mit dieser inneren Freiheit, die ein zwingendes Geschenk der Verantwortung ab dem Augenblick ist, in dem wir sie für unser Tun übernehmen, können wir die Kirchen besuchen und uns auf ihren spirituellen Genius Loci einlassen. Und sich des Maibaums, des Lebens und der Lust erfreuen, die zum Leben gehören. Und der vielen anderen schönen Dinge des Lebens, die sich den sehenden Augen, hörenden Ohren und fühlenden Herzen all überall offenbaren.

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- Seelenpartner als Opfer und Täter - Liebe, wo sie nicht vermutet wird
- Ein Plädoyer für das Krafttier Fuchs - Ein Lehrmeister des Herzens

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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