Sex: Wunsch und Häufigkeit

Mission Gemeinsam

Eine Leseprobe aus »Mission Gemeinsam«

Männer wollen öfter Sex als Frauen. Erneut ein Klischee wie bei der Männergrippe oder doch mehr? Bei der Männergrippe konnte die Neurowissenschaft belegen, dass es mehr als nur ein Klischee ist.

Hier ist Nachdenken gefragt, kein rein wissenschaftliches allerdings. Erforderlich ist eher das, was man einen gesunden Menschenverstand nennt.


Männer wollen öfter Sex und denken öfter an Sex als Frauen. Dies ist mehr als nur ein Klischee; für den Beweis dieser These winkt kein Nobelpreis. Doch auch ohne Aussichten auf höchste wissenschaftliche Ehren existieren Studien, die sich mit diesen Geschlechterdifferenzen befassen.

Zusammengefasst ergaben diese Studien, dass die Lust auf Sex bei den Geschlechtern bestimmten Variationen unterliegt. Wenig überraschend ist die Lust bei Männern in den jungen Jahren am höchsten. Bei Frauen hingegen steigt die Lust, wenn sich die biologische Uhr lauter meldet, und dauert bis etwa 45 an. Auch wenig überraschend, denkt man an die Evolution und ihr Bestreben, eine Spezies zu erhalten. Bevor die Frau nicht mehr schwanger werden kann, dreht die Evolution an den weiblichen Biochemieschrauben und steigert die Lust auf die Fortpflanzung.

Die Studien bestätigen weiterhin Unterschiede an der sexuellen Lust, die von der Tageszeit abhängig ist. Männer wollen am Morgen oft Sex. Die Sprüche von der morgendlichen Aktivität eines bestimmten männlichen Organs wären demnach erklärt. Interessant wäre es außerdem nachzudenken, warum die Natur ausgerechnet am Morgen ihre Testosterongaben erhöht. Bedachte sie, dass MANN eventuell nicht mehr heimkehrt und daher noch für seine Gene sorgen sollte, bevor er die lebensgefährliche Jagd beginnt? Vielleicht auch wusste MANN, dass FRAU beim Sammeln länger fortbleibt und der Sex mit ihr auf sich warten lässt.

Bei Frauen hingegen nimmt die Lust am Abend zu. Das hat soziale Gründe. Die Kinder sind versorgt, der Stress des Alltags ist einigermaßen erledigt. So kann sich die Frau eher entspannen und mehr Lust auf Nähe oder auf Sex haben.

Während der Schwangerschaft und in der Stillzeit wirkt bei Frauen das Hormon Prolaktin. Wie es der Name verrät, sorgt es zunächst für das Wachstum der Milchdrüsen und später für die Milchproduktion. Daneben weist es schwangerschaftverhütende Eigenschaften auf. Dieses Hormon reduziert allerdings auch die weibliche Lust auf Sex.

Im reifen Alter schließlich werden viele Frauen sexuell aktiver, wohingegen bei Männern die Lust nachlässt. Hier ist eine Verwandtschaft mit der unterschiedlichen Lust in den Tagesrhythmen erkennbar. Ein Grund ist die Sorge um die Kinder, die nicht mehr in diesem Maße den Alltag bestimmt. Die Lebensreife kann überdies helfen, mit dem Stress gelassener umzugehen. So gibt es mehr Raum für die angenehmen Dinge des Lebens wie den Sex. Männer hingegen könnten sich auf den abnehmenden Testosteronspiegel berufen. Man beachte jedoch die vertauschten Kausalitäten beim Testosteron (Näheres in der Biochemie der Liebe). Wie ist es außerdem mit der männlichen Lebensreife?

Diese Frage lasse ich offen und gehe stattdessen auf einen anderen Aspekt ein. Ein weiterer Grund der abnehmenden Lust auf Sex bei Männern könnte die Qualität der Spermien sein. Diese nimmt im Alter über 40 Jahre ab. So ist es von evolutionärem Vorteil, wenn Männer ihre Gene bis dahin weitergegeben haben und sich im Alter mit dieser Weitergabe einschränken. Lust dürften sie dennoch haben. Wer weiß jedoch, wie die Evolution agiert. Vielleicht investierte sie nicht mehr in Biochemie der Lust, da zu SMILOs Zeiten viele Männer dieses Alter nicht mehr erreicht haben. Es waren die Großmütter wichtiger, die sich um den Clan, besonders um die Kinder kümmerten, deren Mütter sammeln gehen mussten.

Ein weiterer Grund für die Unterschiede der sexuellen Lust ist so einleuchtend, dass ich ihn natürlich nenne.

Was bedeutete und was bedeutet Sex für die Männer, womit ist er für sie verbunden?

Es ist die Lust, es ist der hormonelle Rausch. Es war auch die Weitergabe der Gene nach einer erfolgreichen Jagd. Das wirkt auch heute noch in den Genen und hält die sexuelle Lust aufrecht. Sex ist Spaß, Sex ist Lust.

Was bedeutete und was bedeutet Sex für die Frauen, womit ist er für sie verbunden?

Ein Blick auf die neolithische Revolution liefert die anschaulichsten Hinweise. Sex für Frauen, das war immer die Möglichkeit einer Schwangerschaft. Eine Schwangerschaft war und ist zum Teil immer noch eine Gefahr. Vor Jahrhunderten und Jahrtausenden häufig eine Lebensgefahr. Eine Schwangerschaft, das waren und sind körperliche Einschränkungen, das waren und sind Schmerzen bei der Entbindung.

Summa summarum bedeutete Sex für FRAU Schwangerschaft. Und Schwangerschaft, das war eine Gefahr, Lebensgefahr sogar. Natürlich ist dies in den Genen verankert, natürlich spielt dies auch in Zeiten von Hebammen, Krankenhäusern, Kaiserschnitten oder helfenden Vätern eine Rolle.

Vom evolutionspsychologischen Hintergrund her muss man nicht mehr fragen, warum Männer eher Lust auf Sex haben als Frauen.

Fragt jemand: »Wer hat’s erfunden?«, muss nicht lange nach der Antwort suchen. Ausschlaggebend sind die Folgen der neolithischen Revolution. Und wer ist wiederum dafür verantwortlich? Das sind eindeutig die Männer. Wollte ein MALE die Verantwortung auf MANN schieben, wird er mit einer weiteren Frage konfrontiert: Warum ändert er dies nicht mit seinem im Vergleich zu MANN weiterentwickelten Gehirn?

Sollten sich MANN oder MALE über die geringere Lust der Frauen beklagen, ist ein Blick auf den erwähnten weiblichen Abend oder die weibliche Lebensreife empfehlenswert. FRAU konnte sich am ehesten abends entspannen und das Leben genießen, auch die Zweisamkeit mit ihrem MANN. Das gelingt ebenfalls nach der Lebensphase, die von der Kinderpflege bestimmt war.

MALE sollte die Konsequenzen solcher Überlegungen beachten. Diese allerdings könnte für diejenigen Männer unbequem sein, die nur das eine im Sinne, im Kopf oder anderenorts haben oder die Verantwortung für ihr Verhältnis zu FEMALE ihren Genen zuschreiben möchten.

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Anmerkung
FRAU und MANN repräsentieren die Frauen und die Männer in der Steinzeit.
FEMALE und MALE repräsentieren die Frauen und die Männer der Gegenwart.

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