Der Nacht und des Menschen Lichter – und ihr Schwinden

Nachtlichter

Die Nacht, die Lichter, die Stille, die Seele. Hier kann der Mensch die Nähe zu dem spüren, was er Gott nennt.

Das Dunkel einer stillen Nacht fernab der urbanen Hektik fasziniert zu jeder Jahreszeit. Im Sommer jedoch kann die Verbindung mit der Natur hautnah erlebt werden; hautnah im übertragenen und im wörtlichen Sinne dank der nächtlichen Wärme. Es ist nicht die laue Luft allein, die den Körper umschmeichelt und die Einbettung des Menschen in Mutter Natur erleben lässt.

Es ist kein beängstigendes Dunkel. Es ist überhaupt kein Dunkel im Sinne von fehlendem Licht. Die Abwesenheit von allen Lichtern der Menschheit findet man nicht mehr in der Mitte Europas. Ein einigermaßen dunkles Fleckchen findet jedoch, wer danach sucht. Die Sterne scheinen heller, insbesondere nach der ersten Viertelstunde, in der sich die Augen vollständig an die Dunkelheit angepasst haben. Der Himmel offenbart mit jeder Minute mehr Details und lässt neue schwächere Lichter wahrnehmen. Mit einem flüchtigen Blick auf den nächtlichen Himmel erlebt das kein Mensch.

Wer noch wenige Viertelstunden länger in dem Dunkel verweilt, wird unweigerlich durch Sternschnuppen belohnt. Sie ziehen nicht nur zu bestimmten Zeiten durch den Himmel, wie beispielsweise die Perseiden alias Laurentiustränen, mit ihrem Maximum um den 12. August herum. Sternschnuppen sind in jeder sternklaren Nacht wahrnehmbar, sofern nicht der Mond mit seinem Licht die schwächeren Lichter überstrahlt.

Wer sich daher die Zeit nimmt, wird die eine oder andere Sternschnuppe entdecken. Warum nicht diese Gelegenheit nutzen, um eine Bestellung beim Universum aufzugeben, wenn wir ihm doch gefühlsmäßig so nahe sind? Wer seine Bestellung aufgibt, darf nicht seine Anteile an ihrer Realisierung vergessen, wenn es nicht beim Wunschdenken bleiben soll.

Die Krönung der Nachtlichter ist die Milchstraße. Milliarden von Sternen bilden ein filigranes Band aus leuchtenden Feldern. Darin hellere Stellen und dunkle. Wer auch nur ein Opernfernglas bei sich hat, muss dieses Band betrachten. Schon mit dieser Hilfe offenbart die Milchstraße ihre wahre Natur, zeigt ihre Sterne und ihre ungleichmäßige Struktur.

Die Sommernächte haben weitere Lichter im Angebot. Eines davon ist das Wetterleuchten. Es ist phänomenal, wie weit es nach der Gewöhnung an die Dunkelheit sichtbar ist. Fern am Horizont ein flächenhaftes und vollkommen stilles Aufleuchten des Himmels. Die Stille kann gespenstisch wirken, wenn man um die Natur des Leuchtens weiß und einen Donner erwartet. Wird es Wetterleuchten stärker, beleuchtet es den Himmel mit seinen Sternen sogar im Zenit. Für einen Augenblick leuchten die Lichter des Himmels und des irdischen Gewitters vereint.

Es sind nicht die einzigen Nachtlichter irdischer Natur im Sommer. Da gibt es die Leuchtkäfer, die still wie die Sterne leuchten. Die Stille ist die auffällige Analogie zu diesen Lichtern. Die Sterne sind enorm heiß mit ihrem atomaren Feuer. Im Unterschied zu dem heißen Feuer locken die Leuchtkäfer das andere Geschlecht mit einem kalten Licht an.

Die Nacht, die Lichter, die Stille, die Seele. Hier kann der Mensch die Nähe zu dem spüren, was er Gott nennt.

Zu der auffälligen Analogie gesellt sich seit einiger Zeit eine weitere Analogie, die vermutlich nur wenigen Menschen auffällt. Es ist das Schwinden dieser Lichter der Nacht. Die himmlischen Lichter der Nacht schwinden nicht tatsächlich. Sie entziehen sich zunehmend dem Auge des Menschen, der die Nacht zum Tage macht mit seinen Kunstlichtern. Lichtverschmutzung nennt sich dieser Eingriff in die Natur. Ein Begriff, der immer noch Unglauben und Lächeln hervorruft, wenn man darauf hinweist. So ist es nicht die Milchstraße, die sich dem Menschen entzieht. Es ist der Mensch, der dafür verantwortlich ist.

Dieses Schwinden der himmlischen Lichter ist ein Element des Anthropozän.

Die irdischen Lichter hingegen schwinden real. Es ist der Mensch, der die Natur nicht beachtet und nicht nur die Leuchtkäfer aus der Welt schafft, freundlich ausgedrückt.

Dieses Schwinden der irdischen Lichter ist ein Element des Anthropozän. Und des sechsten Massenaussterbens, wofür der Mensch verantwortlich ist.

Die Nacht, die Lichter, die Stille, die Seele. Hier kann der Mensch die Nähe zu dem spüren, was Gott nicht für ihn reparieren wird, was er selbst bewahren muss.

So er denn fortbestehen will.

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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