Des Schwans Mysterium und des Hundes Neurosen oder Neurosen über die Spezies hinweg

Neurosen

Ein schwankender Schwan

Der typische Schwanenbalztanz war es nicht. Der Schwan näherte sich behutsam seiner Partnerin, je näher umso langsamer. Sobald sie nur eine Körperlänge trennte, unterbrach er die Annäherung, verweilte ein wenig, drehte der Partnerin seinen Rücken zu und schwamm davon. Fehlte ihm der Mut zu der Annäherung? Versuchte er, einen Streit zu schlichten? Schwante ihm etwas, was ihn verunsicherte? Machte er auf einen sterbenden Schwan? Ein merkwürdiges Verhalten eines Altschwans. Ich beobachtete ihn, bis die Dämmerung einsetzte und machte einige Fotos, bevor es zu dunkel wurde.

Die Partnerin, also der weibliche Schwan oder politisch korrekt aber nicht Duden-konform Schwänin, schien den Schwan nicht wahrzunehmen. Sie unterbrach ihr ruhiges, kaum bemerkbares Gleiten auf dem Wasser nicht, sie sah ihn nicht an.

Von seiner Partnerin und dem Geschehen losgelöst betrachtet wirkte der Schwan erhaben und die Szenerie mystisch. Und wenn sie doch Partner waren, stark und über Beziehungsprobleme erhaben?

Neurosen Schwan

»Lebt er gerade seine Neurosen?«, wandte ich mich fragend Bono zu, der unbewegt neben mir im Gras lag. Es war eine falsche Frage; Schwäne interessieren nicht, dafür umso mehr seine Leidenschaften, die seiner Labradorart gerecht Essen und Laufen sind. Eilends stand er auf, mit dem Körper zeigte er mir die Richtung heim an und blickte mich treuherzig an. Die Schwäne verstand ich nicht, Bono schon: »Genug getrödelt, ich habe Hunger«, teilte er mir mit.

Ich machte nicht auf einen Schwan aber auf klug, wenn ich schon das Schwanen der Schwäne nicht begriff – ich gab nach. Ein Blick noch über den See zum Abendhimmel hin, ein leises Adieu in die Landschaft hinein; ich folgte Bono und lies die Schwäne mit ihren Neurosen oder ihrer Weisheit allein.

Der Hase

Auf dem Heimweg sinnierte ich über Bonos Probleme mit dem Wasser und den Eichhörnchen. Tiere findet er uninteressant, außer andere Hunden hin und wieder. Sogar Hasen missachtet er. Das dürfte allerdings eine Prägung aus seinen jungen Jahren sein mit einem Hasen, der ihm zeigte, wer der Meister ist. Damals ging ich noch mit Bono auf ein Feld mit einem schönen Fußwegenetz und lies ihn dort ohne Leine laufen. Einmal kam ein Hase aus dem Mais auf einen dieser Wege heraus, nur wenige Meter von Bono entfernt, der wiederum einige Zehnmeter hinter mir stehen blieb. Witterte er den Hasen?

Der Hase sah Bono, Bono setzte augenblicklich zum Spurt auf den Hasen an. Meine Stopp-Befehle ignorierte er, da waren seine Instinkte oder sein Spieltrieb stärker. Allerdings wurde mir nicht klar, wer hier mit wem spielte. Ich weiß seitdem, was es bedeutet, einen Haken zu schlagen, wenn es ein Meister vorführt. Doch was ist das? Nach einigen Haken rennt der Hase geradewegs auf mich zu. Ich gebe zu, auch mich lehrte der Hase etwas. In einem Anflug einer undefinierten Eigengröße dachte ich, der Hase wolle bei mir Schutz vor dem Hund suchen. Als er mich jedoch fast erreichte, es waren keine zwei Meter zwischen ihm und mir, schlug er den imposantesten Haken und verschwand wieder im Mais.

Ich lernte etwas, Bono offenbar auch. Bei der nächsten Hasensichtung gab er vor, ihn nicht wahrzunehmen. Und so bleibt es. Ich bin mir sicher, er nimmt die Hasen wahr. Anstatt seine Jagd oder sein Spiel zu beginnen, schnuppert und scharrt er am Boden. Schämt er sich, dass ihn der Hase vorführte und ich ein Zeuge war?

Eichhörnchen und andere Spezies

Eine Ausnahme bilden bei Bono die Eichhörnchen. Erspäht er eines dieser flinken Tiere, ist Bonos Erziehung augenblicklich dahin, von einem verspielten Apportierhund mutiert er zum unbeherrschten Jäger. Dr. Jekyll und Mr. Hyde in Hundegestalt. Keine Sorge jedoch, den Eichhörnchen geschieht nichts. In der Natur ist Bono immer angeleint und wir haben gelernt, mit einer längeren Leine so umzugehen, dass sie nicht zwischen Bonos Beine gelangt. Außerdem haben die Eichhörnchen ihre Bäume, auf die nur sie hinaufklettern. Ich bewundere die Bäume oder spreche mit ihnen, wenn es mir danach ist. Und Bono benutzt Bäume auf seine Hundeart; das Klettern ist es nicht.

Hasen sind also kein Problem, Eichhörnchen der Leine wegen ebenfalls nicht. Bonos Problem ist tieferes Wasser. Er liebt das Wasser, achtet jedoch peinlichst darauf, dass es ihm nicht bis zum Unterbauch reicht. Zu einem Apportierhund für erlegte Enten ist Bono ungeeignet. Aber ich bin auch kein Jäger. Neurotisch benimmt er sich beim Wasser in der Dunkelheit. Es muss schon mindestens der Halbmond leuchten, sonst steigt er des Nachts in kein Wasser hinein, auch nicht in das ihm wohlbekannte.

Ich fragte ihn mehrmals nach den Gründen seines eigenartigen Verhaltens. Er antwortet nie, also muss ich damit leben. Jedem Tierchen sein Pläsierchen oder seine Neurose. Menschen nicht ausgeschlossen. Bonos Verhalten könnte eine Eichhörnchen-Inkarnation erklären, die er in einer Nacht mit dem Ertrinken im tiefen Wasser beendete. Ich frage ihn lieber nicht danach, er macht sonst auf keinen Vogel, sondern zeigt mir einen.

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Links zum Beitrag
- Die Tiere und ihre Seele
- Fliegen, Bienen und Außerirdische - Die Seele und die Tiere; mit einer unbequemen Frage

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