Worte hinterfragt: Vor Inbetriebnahme des Mundwerks das Gehirn einschalten

Worte Gehirn

Kein Mensch sagt etwas »einfach so«; jede Äußerung gibt etwas von ihm preis. Das sollte zu Denken geben, bevor Worte fallen und das Gegenüber treffen. Ein gefallenes Wort lässt sich nicht mehr zurückholen und trifft immer.

Das Gehirn allein vorher einzuschalten, schützt nicht vor Treffern, die später bereut werden.

Meister des Gehirneinschaltens

Rhetorikmeister benutzen das Gehirn, einige von ihnen bieten Schlagfertigkeitstrainings an. Dennoch ist die Schlagfertigkeit eine Fertigkeit des Schlagens. Wer schlägt, erreicht nicht das Herz eines Menschen. Er beginnt einen Schlagabtausch, er beginnt einen Kampf.

Gute Anwälte arbeiten mit eingeschaltetem Gehirn. Das ist erforderlich in ihrem Beruf. Das Ziel der Anwälte ist ebenfalls der Schlagabtausch und der Kampf mit der Gegenseite. Ob Rhetoriker, Demagogen, Politiker, Anwälte oder andere Professionen, deren Werkzeug die logisch scharfe Rede mit eingeschaltetem Gehirn ist: Sie kämpfen gegen etwas.

Diese Meister des Gehirneinschaltens kämpfen für ihre Klientel. Doch richtet sich ihr Kampf immer gegen andere Menschen, die es zu besiegen gilt – mit dem eingeschalteten Gehirn und den Worten, die es hervorbringt.

Meister des Wortes

Meister des Wortes, wie ich jetzt meine, sind ebenfalls Meisterkämpfer des Gehirneinschaltens. Die Grenze zu den oberen Meistern ist fließend; will jemand ihre Arbeit als Kampf betrachten, so ist das ein Kampf für ein Ziel.

Diese Meister setzen ihre Worte für einen Menschen ein. Es sind Warner, Mahner, Lehrer. Es sind Zweifler, die hinterfragen, wo alles klar zu sein scheint, wo ein Konsens herrscht. Es sind Therapeuten, die den anderen begreifen wollen, die ihm die Möglichkeit anderer Sichtweisen nahebringen wollen. Es sind Redner oder Schreiber, die ihr Wort einsetzen, um etwas bewusst zu machen, um aufzurütteln, um Alternativen aufzuzeigen, nicht eine Alternativlosigkeit zu predigen.

Beide Meisterarten nutzen ihr Gehirn, um ihre Absichten überzeugend zu formulieren. Die Differenzierung zwischen den beiden Meistergruppen scheint schwierig; sie mag sogar willkürlich erscheinen. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied: die Rolle des Gehirns.

Nur das Gehirn

Diese Meister propagieren Alternativlosigkeiten, die sie anderen implantieren wollen. Wer nicht ihrer Meinung ist, ist ihr Feind.

Sie konzipieren ihre Worte im Gehirn und bleiben in ihrem Gehirn. Emotionen sind für sie ein Mittel zum Zweck, der da heißt, den Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren.

Empathie erschöpft sich für sie in einem Regelsystem, wie gewünschte Emotionen zu erzielen sind.

Religiöse und politische Institutionen beherrschen diese Kunst meisterlich. Das beliebteste Kampfmittel ist die Angst. Die Angst vor einer ewigen Verdammnis, vor der Gefahr durch das Andere.

Zu den unübertroffenen Meistern des Wortes – mögen sie unübertroffen bleiben – gehören die Propagandisten der Nazizeit, allen voran Goebbels und Hitler. Die Worte, die Gestik, das Umfeld – nichts überließen sie dem Zufall, alles gehörte zu ihrer Inszenierung.

Durch die Erfahrungen mit diesen Altmeistern haben es die modernen Agitatoren schwerer. Aber nicht schwer genug. Man denke nur an Donald Trump, der sein Land über den Rest der Welt erhebt, der offensichtlich eigene Wahrheiten konstruiert und nur sie anerkennt. Er findet Gehör; Amerika kann nicht leugnen, dass es diesen Menschen freiwillig, demokratisch-mehrheitlich zu ihrem Präsidenten machte. Die Verantwortung dafür trägt das Land und kein böser Russe, kein böses Internet, keine böse Presse.

Eine Empfehlung zum Schutz vor den Meistern des manipulativen Gehirneinschaltens: Vor Inbetriebnahme der Ohren das Gehirn einschalten.

Auch das Gehirn

Diese Meister bieten Botschaften an, mit denen sie die Herzen anderer erreichen wollen. Wer nicht ihrer Meinung ist, ist nicht ihr Feind.

Sie konzipieren ihre Worte in ihrem Herzen und in ihrer Seele. Das Gehirn gebrauchen sie, wie die ersten auch, zum Ausformulieren ihrer Botschaften. Emotionen sind für sie keine Wissenschaft, Emotionen leben sie, ihre Emotionen sind der Antrieb ihrer Worte.

Sie leben die Empathie, sie benötigen keine Notizzettel, die sie daran erinnern, Empathie zu bezeugen, wie bei Donald Trump mit seinem Merkzettel für das Gespräch nach der Schießerei an der High School von Parkland, Florida: »5) I hear you«.

Doch Vorsicht vor den verbalen Beteuerungen, aus dem Herzen zu sprechen. Goebbels in der ersten Minute seiner Sportpalastrede mit der rhetorischen Frage nach dem totalen Krieg: »Ich möchte zu Ihnen allen aus tiefstem Herzen zum tiefsten Herzen sprechen.«

Das Gehirn, das Herz und die Ohren

Vor Inbetriebnahme des Mundwerks das Gehirn einschalten: Und der Mensch kämpft weiter.

Vor Inbetriebnahme des Mundwerks auch das Herz einschalten: Und die Menschen kommen sich näher.

Vor Inbetriebnahme der Ohren das Gehirn einschalten. Und keine Propaganda kann wirken. Keine Propaganda eines Goebbels, eines Trumps oder anderer Politiker respektive religiöser Führer. Diese Menschen befolgen die Aufforderung, das Gehirn vor dem Gebrauch des Mundwerks einzuschalten. Was sind die Folgen?

Worte hinterfragen: »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« (Mk 4,9)

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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Jan Schneider, Autor