Merkelscher Alternativlosigkeitspreis; Wer ist das nächste Opfer?

Alternativlosigkeit

Preise, Auszeichnungen, Awards & Co. werden zunehmend inflationär vergeben, einige Auszeichnung behalten jedoch ihr Prestige. Die Nobelpreise oder die alternativen Nobelpreise gehören dazu, obwohl die Auswahl der Preisträger gelegentlich zu Kontroversen führt. Häufigere Kontroversen gibt es beim Oscar, das ist aber auch der Vermehrung der Preiskategorien geschuldet.

Fortwährend werden neue Auszeichnungen kreiert, hier ein weiterer Vorschlag: ein Alternativlosigkeitspreis.

Merkelscher Alternativlosigkeitspreis

Dieser Preis kann nicht anders als merkelscher Alternativlosigkeitspreis heißen. Merkels Kreativität kreierte die Alternativlosigkeit, Merkels Marketinggeist machte sie allbekannt. Es bedurfte etwas Zeit, bis Merkels Partei- und andere Weggefährten merkten, was Merkels Genialität zu einer Alternativlosigkeit werden lies. Es war Merkel selbst.

Fähige Parteifunktionäre, die ihrem Posten gefährlich hätten werden können, sortierte sie aus. Bei dem Heranschaffen ungefährlichen Ersatzes hatte sie zwar nicht immer ein glückliches Händchen, die Korrekturen gelangen ihr jedoch. Merkel ist heute alternativlos. Nie hörte man von ihr: »Du sollst keine anderen Götter respektive Kandidaten neben mir haben«. Sie schwatzte nicht, sie handelte. Und als Chefin einer christlichen Partei orientierte sie sich an der Bibel: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Die Früchte sind die Alternativlosigkeiten, die sie weiterhin vermehrt. Zu ihrer letzten Alternativlosigkeit kürte sie die Jamaika-Koalition. Es ist zu befürchten, dass dies nur ihre bisher letzte Alternativlosigkeit ist.

Ihre Kontrahenten scheitern grandios. Erst wenn sie sich ihrem Einflussbereich ein wenig entziehen können, blühen sie auf, beispielsweise als vorübergehender Außenminister.

Der merkelsche Alternativlosigkeitspreis kennt keine Kontroversen. Kann er nicht. Seine Existenz von der Idee bis zu Verleihung hin liegt in der Hand seiner alternativlosen Schöpferin. Lebten wir nicht in einer nominellen Demokratie, wäre sie eine Monarchin. So nur eine Kanzlerin. Dafür jedoch alternativlos.

Die nächsten Opfer

Den Weg zu dieser Alternativlosigkeit markieren unvermeidlich Opfer. Da die Alternativlosigkeit fortbesteht, folgen neue Opfer. Großes Aufatmen: Bei der Opferwahl herrscht keine Alternativlosigkeit. Alternativlos sind lediglich weitere Opfer, soll die alternativlose Jamaika-Koalition ihre Geburt erleben.

Schulz und seine Partei

Ein Opferkandidat ist Schulz. Ist Schulz weg, wird ihm der Gang der SPD in die Opposition angelastet, die SPD kann ohne Gesichtsverlust zumindest nominell mitregieren.

Das faktische Opfer ist die SPD, die nach zwei Regierungsperioden in Merkels Schatten selbst zum Schatten einer Volkspartei geworden ist. Nicht nur menschliche Merkel-Kontrahenten scheitern grandios.

Seehofer und seine Partei

Der nächste Opferkandidat ist Seehofer. Ist Seehofer weg, wird ihm das Beharren auf eine Obergrenze angelastet, die CSU kann ohne Gesichtsverlust zumindest nominell mitregieren.

Das faktische Opfer ist die CSU, die nach den Jahren im Schatten der Alternativlosen zum Schatten einer Partei der absoluten Mehrheit zu werden droht.

Hätte Seehofer auf eine Machtobergrenze à la USA bestanden [1] und Merkel nach zwei Kanzlerperioden vom Thron geholfen, wäre die Welt nicht nur in Bayern anders.

Merkel und ihre Partei

Alternativlos oder nicht, Merkel ist ein Mensch, es ereilt sie daher – und das tatsächlich alternativlos – ein Ende. Merkel weg, das scheint gegenwärtig unwahrscheinlich. Aber mal angenommen und dem oberen Schulz-Seehofer-Muster nach: Ist Merkel weg, wird ihr der Aufstieg der AfD angelastet, die CDU kann, nein, muss ihre eigene Alternativlosigkeit erfahren.

Das faktische Opfer, mit oder ohne Merkel, ist die CDU.

Deutschland und seine Demokratie

Es gibt noch einen Opferkandidaten der gegenwärtigen Alternativlosigkeit. Es ist die deutsche Demokratie, zumindest in der Form, wie sie ist oder vor einigen Jahren war.

Junge Menschen, für die Merkel gleich Kanzleramt ist, wie Tempos gleich Taschentücher sind. Austauschbare Parteien, solange sie nicht einem extremen Spektrum zugeordnet werden. Austauschbare Politiker mit austauschbaren Worten. Parlamentarische Streitigkeiten zwischen Menschen mit Konturen und eigenen Ideen sind im Geschichtsunterricht zu finden. Auch das nicht mehr lange, wenn die Political Correctness eingreift. Gott*in bewahre, sie wird alternativlos.

Und wenn die neueste Alternativlosigkeit, die Jamaika-Koalition, doch nicht zustande kommt, da für sie keine Opfer dargebracht werden? Neuwahlen bis das Ergebnis passt? Wem?

Das faktische Opfer wäre die deutsche Demokratie. Nicht tot, aber doch angezählt. Angezählt durch sich selbst. »Sie war’s, sie war’s«, kann dann niemand glaubhaft behaupten und die Alternativlose damit meinen.

Es ist Herbst. Einen Deutschen Herbst meisterten wir, wir schaffen auch den nächsten, sollte es sogar ein Winter werden. Und der nächste Frühling kommt alternativlos.

Das ist kein Märchen, das sind Fakten; die gute alte Gaia lässt uns nicht so schnell im Stich. Und nur Märchen enden mit: »Und wenn sie nicht gestorben ist, regiert sie noch heute.«

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Links zum Beitrag
[1] Empörungs-Demokraten und das Korrektiv; Amerikanisch-deutsche Parallelen

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