Meinungsfreiheit, die Zeit mit mir und ein Führer

Macht-Ohnmacht

Meinungsfreiheit meint nicht die Freiheit von eigener Meinung.
Jan Schneider, Aphorismen

Freizeit

Zeit für mich selbst zu haben kommt einer Sisyphusarbeit gleich. Kaum scheinen einige freie Minuten für ein Durchatmen zu kommen, klingelt es, piept es, vibriert es oder blinkt es. Social Media oder der Terminplaner sind zum Never-ending Social Stress geworden. Die Gutenachtgeschichten oder ein Tagesresümee verdrängt der letzte Blick auf das Smartphone. Und der nächste Blick? Wirklich erst am Morgen nach dem Aufwachen?

Erinnert sich noch jemand an die Utopien vor noch wenigen Jahrzehnten, die im Computer einen Glücksbringer sahen, da sich der Mensch mehr Zeit für sich selbst von diesem Technikwunder versprach?

»So muss Technik«, heißt es heute in der Werbung. Nicht das »so« verrät den Lebensmodus des heutigen Menschen, sondern das »muss«. Technik muss.

Muss der Mensch Technik oder kann er Technik? Falls die Antwort nicht relevant scheint: Muss der Mensch atmen oder kann er atmen?

Meine Zeit

Eine Übung für nur wenige Minuten: Was bedeutet Freizeit für mich? Wie viel Freizeit habe ich? Bin ich frei in der Freizeit? Bin ich frei in der Planung meiner Freizeit?

Wie lange kann ich mir noch Zeit allein für mich nehmen? Lautet die Antwort »Ich brauche das nicht«? Das ist eine tückische Antwort, das ist eine Formulierung des Verstandes, der sich allein zum Maßstab erhebt und die Emotionen oder die Seele verdrängt.

Emotionen? Dafür kann ich mir nichts kaufen? Seele? Ist doch gar nicht nachgewiesen, dass es dieses Ding gibt.
Und Zeit nur für mich? Das ist doch egoistisch, da versäume ich das Neueste, da erfahre ich nicht, was meine Freunde machen, da erreicht mich jemand nicht, da verpasse ich ein Sonderangebot, da …

Da verliere ich wichtige Informationen.

Informationen

Und informiert muss man sein in der heutigen Zeit, oh ja, dem kann man nicht widersprechen.

Das stimmt auch. Kein »man« wird widersprechen, die Medien werden nicht widersprechen, auch nicht die Freunde oder der Chef. Es kommt leider dem armen Verstand nicht in den Sinn, dass dahinter Absichten sich verbergen, dass dies keine Uneigennützigkeit der anderen ist.

Was all die anderen wollen, sind Informationen. Persönliche Informationen, intime Informationen, Informationen rund um die Uhr. So lernen sie das Ich kennen. Sie lernen es kennen und sie können es manipulieren.

Der Meinungsführer

Und Manipulieren ist das richtige Wort, es ist kein bisschen zu hart. Kaufe dies, und kaufe es jetzt, kaufe das und kaufe es sofort, bezahle es bequem, nur ein Klick oder ein Touch hier und schon ist das Ding deins.

Und sollte mal kurzfristig, so zum Monatsende hin das Geld ausgehen, so hast du doch mit wenigen Klicks und Touches ein Überbrückungsgeld, in wenigen Minuten, wenn du es haben willst. Und schon freut sich der Partner, schon lachen die Kinder. Oh ja, die Werbung kennt den heutigen Menschen. Sie kennt ihn, sie manipuliert ihn, sie führt ihn.

Die Werbung ist zu einem Führer geworden. Ein böses Wort? Für die Werbung sicher: Es entlarvt sie.

Zeit mit mir

Zeit für mich selbst allein, Zeit mit mir allein. Das ist der Horror für diesen Führer. Denn das führt den Menschen zu sich selbst, das lässt ihn sein wahres Ich erkennen und seine wahren Bedürfnisse. Und die wahren Bedürfnisse sind dem Führer nicht hörig. Also muss dieser Führer für seine Vorherrschaft sorgen.

Das gelingt ihm leicht. Er liefert noch mehr Informationen, liefert sie pausenlos, sorgt für eine Sucht nach den Informationen. Das ist sein Weg zu seinem Ziel.

Dieses Ziel verkauft dieser Führer wunderhübsch verpackt. Er macht dir das Leben leichter, er hilft dir bei der Orientierung in der schnelllebigen Welt, er hält dich up to date.

Sagt er. Was er wirklich macht, ist etwas anderes: Er nimmt dir die Entscheidungen ab. Und ist er besonders dreist (das ist er meistens), verkauft er das als Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit war aber noch nie die Freiheit von eigener Meinung.

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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Jan Schneider, Autor