Vom Wissen und dem Luxus des Nicht-Wissens

Spiritualität

Ein neues Zeitalter des Wissens, Wissensgesellschaft, Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die einen Zugang zum Wissen haben und die anderen. Das sind einige Stichwörter, die das Wissen unserer Zeit beschreiben.

Wir leben bereits in einer Wissensgesellschaft, in der das Wissen zunehmend zu einem Grundpfeiler des Zusammenlebens wird. Auf dieser Ebene handelt es sich um das kollektive Wissen einer Gesellschaft, welches nicht nur in den Köpfen weniger Menschen und in exklusiven, also der Gesellschaft nicht allgemein zugänglichen Büchern gespeichert ist.

Das Wissen war Luxus und Machtinstrument

Das Wissen war über eine sehr lange Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg ein Privileg und ein Luxus. Einen freien Zugang zum Wissen hatten die Mächtigen der Zeit und die Gelehrten, die allerdings in aller Regel den Mächtigen dienten. Allen anderen blieb der breite Zugang zum Wissen verwehrt.

Die Gründe dafür waren sehr naheliegend. Das Leben war vielmehr ein Überleben, ein ständiger Kampf um die Ressourcen, besonders die Nahrung. Die Fragen des Lebens lauteten eher, was meine Sippe morgen essen kann. Philosophische Fragen hatten keine Priorität.

Die Wissenshappen, die von den Machthabern an das Volk weitergegeben wurden, dienten der Machtfestigung und Machterhaltung. Je weniger Wissen im Volk vorhanden war, desto weniger gefährlich konnte es für die Machthaber werden.

Das Wissen im Internet-Zeitalter

Können wir uns die Zeiten vorstellen oder uns an die Zeiten erinnern, in denen es noch kein Internet und keine Handys oder Smartphones gab? Es ist immer schwerer vorstellbar, dass wir in Büchern nachschlagen oder sogar das Buch erst in einer Bücherei ausleihen oder in einer Buchhandlung kaufen müssen, bevor wir eine Antwort erhalten. Es steckt keine Bewertung dahinter, denn auch heute gibt es sehr wohl Bücher und Wissen außerhalb des Internets.

Heute können wir jedoch googeln und in wenigen Sekunden die Antworten erhalten. Antworten und nicht nur eine Antwort! Hier beginnt ein Dilemma mit dem Wissen, denn welche Antwort ist richtig, welche Daten stimmen, welche sind aktueller, welche Antwort ist kompetenter? Vor wenigen Jahrzehnten konnte noch gelten „Ich muss nicht wissen, ich muss nur wissen, wo es steht.“

Die Kunst heute besteht darin, aus der Menge des Wissens das Wesentliche herauszufiltern. Und die wahre Kunst im Umgang mit dem Wissen besteht darin, aus dem vorhandenen Wissen Neues zu bilden und neue Zusammenhänge zu erkennen. Ebenfalls darin, komplexes Wissen verständlich zu vermitteln.

Vom Sinn und Unsinn des Wissens

Das Wissen ist allgemeinzugänglicher geworden, da es im Internet verfügbar ist. Trotz Bestrebungen mancher Staaten, den freien Zugang einzuschränken und zu kontrollieren. Die alten Machthaben-Allüren sind leider noch nicht gänzlich ausgestorben.

Diese freie Verfügbarkeit des Wissens vollzieht sich rasant. Nur zu menschlich, dass wir Erfahrungen sammeln. Oder in einer etwas älteren und weniger spirituellen Sprache ausgedrückt: Fehler machen.

Eine dieser Erfahrungen ist die gefühlte Pflicht zum Wissen. Doch nochmals: Es ist nicht Kunst, viel Wissen zu horten. Sollten wir uns zu einem Wissenswettbewerb hinreißen wollen, so sollten wir einen Blick auf die Computer werfen. Wollen wir mit dem Gedächtnis der Computer konkurrieren? Wir wären hoffnungslos unterlegen, denn die Wissensmenge, die Computer speichern können, wächst ununterbrochen. Und ein Computer ist nicht vergesslich!

Eine weitere Erfahrung ist die geglaubte Sinnhaftigkeit eines jeden Wissens. Kann das einer der Gründe dafür sein, dass sich die diversen Quizsendungen solcher Beliebtheit erfreuen? Doch welchen Sinn macht es für einen Menschen, für seinen Geist oder für seine Seele, wenn er den zweiten Vornamen des siebenten Königs eines längst vergangenen Staates weiß? Und sind die Quizmaster, die ihre Antworten vom Teleprompter ablesen können, wirklich Wissensvermittler? Bilden sie neues Wissen oder neue Zusammenhänge aus dem bereits vorhandenen?

Sinnvolles Wissen ist eine sehr individuelle Definition. Es ist dann gegeben, wenn es mir im Alltag behilflich ist, wenn es meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele dienlich ist.

Spirituelles Wissen oder spiritueller Glaube

Wir haben heute den Luxus des freien Zugangs zum kollektiven Wissen. Wir erfahren aber zunehmend, dass nicht jedes Wissen sinnvoll ist. Wir erfahren ebenfalls immer mehr die Grenzen des Wissens. Man denke beispielsweise an die Kosmologen oder die Quantenphysiker.

Das Wissen kann auch heute noch als ein Dogma gebraucht werden. Wenn z. B. nur das als existent und zulässig erklärt wird, was wir vermessen, nachweisen und wiederholen können. Mir scheint das eine Selbstverstümmelung des freien Geistes, des freien Denkens zu sein.

Zeitgemäß ist der Mensch, der sich diese Freiheit gönnt, auch das Unmessbare zuzulassen. Das wird nicht immer ein „exaktes Wissen“ sein, es wird sehr oft ein Glaube sein. Aber der Glaube kann mehr als das Wissen sein [1].

Der Luxus des Nicht-Wissens

Zu einem echten Luxus wird heute immer mehr der Mut zum Nicht-Wissen. Der Mut dazu, dass ich etwas nicht wissen muss, da dieses Wissen für mich selbst keinen individuellen Sinn ergibt. Der Mut dazu, in einer Gruppe zugeben zu können, dass ich etwas nicht weiß oder etwas bzw. jemanden nicht kenne.

Dieser Luxus macht mich freier und selbstbewusster. Dieser Luxus ermöglicht mir, mich konzentriert und intensiv mit dem Wissen zu beschäftigen, welches für mich sinnvoll ist. Dieser Luxus eröffnet mir neue Horizonte, da ich den Mut dazu habe, Wissensgrenzen zu überschreiten und mich in unbekannte Bereiche zu begeben. Auch in spirituelle Bereiche.

Dieser Luxus befreit mich von der Informationsflut unserer Zeit. Mediennachrichten, E-Mails, Postings, Tweet in einer Menge, die kein Mensch verarbeiten kann. Dieser Luxus ist der Weg nach innen, zu sich selbst, zu seinen wahren Bedürfnissen.

Die Seele und der Zwang zum Nicht-Wissen

Wer sich hier den Luxus des Nicht-Wissens nicht gönnt, dessen Verstand ertrinkt in dieser Flut. Die Seele ertrinkt nicht. Sie will mit ihrem Menschen lernen und verweigert sich ihr Mensch diesem Lernen, kennt sie Mittel und Wege, um sich Gehör zu verschaffen.

Sie kann den Körper krank machen, damit der Mensch ihr zuhört. Überhört der Mensch auch diese Signale und setzt lediglich auf die Pharmatechnik, kennt die Seele drastischere Wege. Es muss nicht der Tod sein, es kann eine Erkrankung sein, durch die das rastlos nach Informationen suchende Hirn zu einer Ruhe gezwungen wird. Ist die steigende Häufigkeit der Demenzerkrankungen bei jungen Menschen eines dieser Mittel?

Für Mutige

Wie wäre es mit einer Probe aufs Exempel? Wenn wir uns in einem Vortrag befinden und etwas davon nicht begreifen: Gönnen wir uns doch den Luxus des Nicht-Wissens und stellen eine Verständnisfrage. Was kann uns widerfahren?

Wir können eine sinnvolle Antwort erhalten, die uns Freude bereitet und so die Augen oder den Horizont weiter öffnet. In den Augen des Vortragenden erkennen wir dann die Freude und Dankbarkeit dafür, dass wir ihm aktiv zuhören.

Wir können eine Antwort erhalten, die uns ebenfalls die Augen öffnet. Auf eine andere Art und Weise allerdings, da wir keine oder keine sinnvolle Antwort erhalten. Das Staunen darüber, dass wir dies nicht wissen, eventuell sogar ein „Das kennt man doch“ zeugt nicht vom Wissen des Vortragenden. In seinen Augen werden wir allerdings kaum Freude und Dankbarkeit erkennen, da wir das sinnleere Geschwätz seiner Worte entlarvten.

Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch groß, dass wir in beiden Fällen diese Dankbarkeit und Freude in den Augen anderer Zuhörer erkennen. Weil wir den Mut zu dem Luxus des Nicht-Wissens zeigten.

Dem einen oder anderen geben wir damit ein befreiendes Beispiel dafür, sich ebenfalls den Luxus des Nicht-Wissens zu gönnen.

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