Liebe und Trauer - Liebe und Angst?

Liebe

Geplant war ein Beitrag über die europäischen Wurzeln vieler unserer Feiertage und Kirchen. Über die Wurzeln, die aus der Zeit der Kelten und ihrer Druiden stammen. Lange vor Allerheiligen, Allerseelen und Halloween gab es das keltische Samhain-Fest. Und viele Kirchen stehen an ursprünglichen Kultplätzen, die Orte der Kraft sind. Die Durchlässigkeit der Welten sollte ebenfalls eine Rolle spielen.

Allgemein gilt der November als ein Monat der Trauer. Warum eigentlich? Weil sich die Natur zurückzieht mit ihren Farben und dem Licht? Weil wir traurige Feiertage haben? Aber nochmals gefragt: Warum?

Unter dem vermeintlich traurigen Gesicht der Natur verbirgt sich ihre alte Weisheit mit der Arbeit an der Erneuerung des blühenden und farbenprächtigen Lebens des kommenden Jahres. Das muss kein Grund zur Trauer sein.

Wenn wir an die Trauer an Allerheiligen denken und dies spirituell beleuchten, können manche Formen der Trauer hinterfragt werden, auch wenn das provokant klingen mag. Den Status eines Heiligen erhält ein Verstorbener durch andere Menschen. Wie bindend ist dieser von Menschenhand verliehene Status, Unfehlbarkeit hin oder her, für die Seelen der Verstorbenen? Warum sind die Seelen des zweiten Tages weniger heilig? Wer bestimmt, ob jemand heilig ist oder nicht?

Inkarnieren die Seelen der Heiligen nicht mehr? Nur weil eine Institution sie zu Heiligen erklärt hat? Sollten diese Seelen auf das weitere Lernen verzichten, weil sie eben Heilige sind? Und wenn sie unbeachtet ihrer offiziellen Heiligkeit weiter lernen wollen?

Trauer, Liebe, Loslassen

Wir trauern, wenn uns ein geliebter Mensch auf dieser Erde verlässt. Diese Trauer muss zunächst nicht hinterfragt werden. Das Wort „zunächst“ hat jedoch seinen Grund. Denken wir spirituell, so können wir trotz dieser Trauer den weiteren Weg der Seele sehen, auch wenn wir dazu etwas Zeit benötigen: Die Seele dieses geliebten Menschen inkarniert wieder.

Dieses Wissen kann dabei helfen, die Trauerarbeit um den geliebten Menschen mit der Zeit zu beenden. Wenn wir diesen Menschen liebten, liebte er vermutlich auch uns. Die Seele des Verstorbenen ist von Liebe erfüllt, auch von Liebe zu uns. Wird es diese Seele richtig finden, wenn wir in der Trauer verbleiben?

Hass kann nicht loslassen. Er ist eine der stärksten Bindungen zwischen den Menschen. Liebe hingegen kann loslassen. In diesem Fall kann sie auch von der sehr tiefen Trauer loslassen, da sie weiß, dass die geliebte Seele ihre Wege geht. Und war die Bindung zwischen dieser Seele und unserer eine wirkliche Liebe, so werden diese Seelen nicht einander vergessen.

Vielleicht treffen sie sich wieder in einer späteren Inkarnation? Als Freunde, Verwandte oder Partner? Als Seelenpartner?

Angst und Liebe?!

Unversehens schraubten sich bei diesen Überlegungen Erinnerungen aus der Kindheit hoch und gleichzeitig ein weiteres und gerne verdrängtes Attribut des Monats November: die Angst. Besonders vor der Hölle oder vor ihrer angeblich barmherzigeren und zeitlich begrenzten Abart, nämlich dem Fegefeuer.

Am Ende stand die Angst vor dem Gott, denn nur zu gut erinnerte ich mich, und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht allein bin, an die Sätze „Gottele schimpft!“ oder später „Gott wird dich bestrafen!“ als eine so oft und so gerne angewandte Erziehungsmethode in der Kindheit, die viele Angstmomente und Alpträume bescherte.

Es dauerte eine Zeit lang, bis ich den Mut hatte und den Widerspruch offen benennen konnte: ein Gott der Liebe und gleichzeitig der Strafe. Sogar der ewigen Strafe dafür, dass ich einige Jahrzehnte auf der Erde weilte und es in dieser Zeit nicht geschafft habe, ein Heiliger zu werden, um mit diesem Freibrief ausgestattet, den direkten Weg in den Himmel einschlagen zu können.

Es gibt keinen liebenden Gott, der gleichzeitig ein Gott der Angst und der Bestrafung ist.

Der Beitrag über unsere keltischen Wurzeln und die Durchlässigkeit der Welten kann bis zum Dezember und die Zeit zwischen den Jahren warten. Das Fegefeuer und die Angst wurden nun zum Hauptthema.

Fegefeuer und Angst

Die Überlegungen, warum die Kirche, eigentlich nur die römisch-katholische, das Fegefeuer erfunden hat, können historisch sehr interessant sein, doch einem Menschen, der die Spiritualität lebt und die Liebe als die höchste Kraft betrachtet, ist dieses Konzept suspekt. Die Hölle als ein Ort der ewigen(!) Verdammnis ist mit einem Gott der Liebe unvereinbar. Es ist keine Theologie und keine Philosophie erforderlich, um das zu beweisen. Es reicht der gesunde Menschenverstand mit etwas Liebe, um zu wissen, dass das Konzept der Hölle menschlich-irdische Ursprünge haben muss.

Für die Menschen unserer Zeit verliert die Angst vor der ewigen Verdammnis immer mehr an Bedeutung. Stellen wir uns doch einen Menschen vor, der einige Jahrzehnte des Lebens gottgefällig lebte. Plötzlich wird er Zeuge eines Grauens, welches ihm für einen Lebensaugenblick den Glauben an Gerechtigkeit und an Gott raubt. Dieses Erlebnis und sein Zweifel an Gott erschüttern ihn so sehr, dass er stirbt. Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Gott nun diesen Menschen für die Jahrzehnte guten Lebens und den einen Augenblick der vorgeblichen Sünden für ewig in die Hölle wirft?!

Kehren wir lieber schnell zu einem spirituellen Weltbild zurück, in dem die Liebe tatsächlich vorhanden ist, und versuchen das Fegefeuer mal etwas sachlicher zu beleuchten.

Fegefeuer spirituell-realistischer

Das Fegefeuer soll ein Zustand nach dem Tod sein, in dem sich alle verstorbenen Seelen befinden, die zwar die göttliche Liebe spüren oder sie ahnen, jedoch noch nicht so geläutert sind, dass sie in den Himmel eintreten können. So die offizielle Sicht.

Übersetzen wir nun dieses Konzept in ein spirituelles. Die Liebe spürt und ahnt jeder Mensch, wenn dies auch manchmal noch sehr verborgen sein kann. Die Aufnahme in den Himmel können wir mit dem Ende der Inkarnationen gleichsetzen, die wir alle erreichen werden, wenn auch in einer sehr fernen Zukunft. Daher wartet auf uns nach dem Tod das Fegefeuer. Und wenn nun das Fegefeuer das Wissen der Seele um die noch nicht vollzogene Entwicklung ist, die zu der Entscheidung führt, weiterhin zu lernen? Das weitere Lernen ist nichts anderes als eine weitere Inkarnation.

Dieses Fegefeuer respektive diese Inkarnationen sind mit der Liebe vereinbar, denn sie verdammen nicht, sie zwingen auch nicht zum Guten, sondern lassen jeder Seele ihre Freiheit, bis sie mit ihrem freien Willen und aufgrund ihrer Erfahrungen gelernt und entschieden hat.

Vom Fegefeuer zu Inkarnationen und zur …

Dieser freie Wille einer jeden Seele ist wahrlich ein Akt der göttlichen Liebe. Die ewige Verdammnis ist ein menschliches Konzept und ein Kind der menschlichen Fehlbarkeit; sicherlich nicht einer Unfehlbarkeit.

Betrachten wir das Fegefeuer als einen Ort, an dem wir uns spirituell weiterentwickeln können. Die Reinigung ist ein Prozess, in dem wir lernen, immer stärker die allgegenwärtige Liebe zu leben. Es ist ein sehr langer Prozess und ein langer Weg, also eine sehr große Zahl von Inkarnationen.

Solch verstandenes Fegefeuer ist ein Akt der göttlichen Liebe, die es jeder Seele auf ihren individuellen Wegen ermöglicht, die Liebe zu lernen.

Werden also die Inkarnationen als das Fegefeuer betrachtet, entfällt die Notwendigkeit der Angst vor einer Bestrafung. Denn die Seelen und die Menschen lernen aus den Folgen. Kein Mensch und keine Seele hat etwas wirklich gelernt, wenn sie eine Tat nur aus der Angst vor ihren Folgen unterlässt. Nur wenn die Einsicht in die Folgen der eigenen schlechten Tat für die anderen Menschen und Seelen und auch für sich selbst dazu führt, dass diese Tat nicht mehr ausgeführt wird, erst dann ist das Lernen vollbracht.

Noch schöner ist das Lernen, wenn wir eine Tat aus unserer freien Entscheidung heraus vollbringen, weil sie aus Liebe erfolgt und wir, unser Herz und unsere Seele sich an den Folgen dieser Tat erfreuen kann.

… und zur Liebe

Nein, mit Angst und Bestrafung kann keine Liebe gelernt werden. Nur Liebe kann weitere Liebe erzeugen. Ich kann nicht anders, als anzumerken, dass für mich das Konzept einer Liebe, die die ewige Verdammnis zulässt, zu den unbegreiflichsten und perversesten Konzepten der Menschheitsgeschichte gehört.

Doch die Menschheitsgeschichte schreiben wir selbst. Versuchen wir daher, ein jeder Mensch, der sich nach seiner spirituellen Heimat sehnt, diese Geschichte immer stärker mit Liebe zu schreiben. Jeder Mensch, der danach strebt, hilft sich selbst auf diesem Weg. Aber auch seinem Mitmenschen. Und jedem Mitgeschöpf.

Versuchen wir es, so gut wie wir es können. Es gehören noch Umwege dazu, es gehören noch Erfahrungen dazu, doch vor dem großen Ganzen sind wir Kinder. Geliebte Kinder. Und als solche dürfen wir diese Wege auch über Umwege gehen. Und dadurch beantworten wir die Liebe des großen Ganzen durch unsere eigene Liebe.

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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Jan Schneider, Autor