Nützliches Leben, primitive Spezies

Mensch und Tier

Teil 5 der Reihe »Lebewesen, Fleischkonsum, Seele«
Die Evolution des Menschen und seiner Ernährung mitsamt der Ethik bis in eine ferne Zukunft hinein

Bei der Arbeit an der Reihe »Lebewesen, Fleischkonsum, Seele« ist eines der zentralen Themen das Verhältnis der Spezies Mensch zu den anderen Spezies dieses Planeten und der Rolle der Religionen dabei. Das generiert einige unbequeme und provokante Gedanken.

Der Mensch, eine primitive Spezies?

Obwohl in dieses Verhältnis die Religionen hineinwirken, ist das eine diabolische Koexistenz mit entsprechenden Folgen für das Tier und den Menschen. Bei den Folgen für den Menschen meine ich neben den gesicherten gesundheitlichen Folgen für den Körper, die Folgen für seine Seele, für die Seele der gesamten Spezies, die sich Homo sapiens nennt und in sich die Krone der Schöpfung sieht.

Kürzlich behauptete ich in einem Gespräch mit einem jüngeren Menschen, die menschliche Spezies sei primitiv, was zu einem heftigen Widerspruch führte. Ich hoffe, wir können diese Gespräche fortsetzen. Dieser Disput ermahnte mich zur Fortführung der Reihe »Lebewesen, Fleischkonsum, Seele«.

Allerdings muss ich behutsam vorgehen, schließlich will ich auch die Menschen erreichen, die hinterfragen, die zweifeln oder die widersprechen. Menschen also, die mir sympathisch sind, denn die Wissenden ohne Zweifel stellen eine Gefahr für den Menschen dar, sofern sie über eine Macht verfügen oder Gehör finden.

Donald Trump ist ein Beispiel solch wissenden Menschen. Ist Trump primitiv? Vor einer Antwort sollte man bedenken, dass er in seinem Tun ein Meister ist. Trump weiß, wie er Menschen erreicht, wie er an die Instinkte, die Sorgen und Ängste appelliert, wie er sie für seine Zwecke nutzt. Wie er Zweifel sät, die zwar einerseits erforderlich für die menschliche Evolution sind. Werden sie jedoch auf Trumpsche Art missbraucht, können sie zum Untergang der Spezies beitragen.

Mensch und Tier und Primitivität

Die Frage, ob der Mensch oder das Tier primitiv sei, scheint rhetorischer Natur zu sein. Ein Schein kann aber trügen.

Verhalten sich Tiere immer primitiv? Eine der neuesten Erkenntnisse betrifft die Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind die körperliche Entsprechung der Empathie. Es sind Nervenzellen im Gehirn, die zu derselben Aktivität beim Wahrnehmen einer Handlung oder eines Ereignisses führen, wie beim eigenen Erleben.

Weint jemand, löst das Trauer beim Betrachter aus. Gähnen oder Lachen sind weitere Beispiele. Verletzt sich jemand, empfinden die Beobachter ähnliche Reaktionen. Ausgenommen, es handelt sich um praktizierende Diener des neuen Gottes Social Media, die mit ihren Kameras das Unglück anderer multiplizieren. Ist das eine reife oder doch weniger reife Reaktion, eine primitive?

Doch zurück zu den Spiegelneuronen und der Empathie. Sie wurden bei einer Tierart nachgewiesen, der dies die wenigsten Menschen zutrauen würden, mit der die meisten Menschen Probleme haben. Es sind Ratten.

Tierschutz und Gesetze

Nutztiere oder Nahrungslieferanten sind verräterische Worte über das Verhältnis des Menschen zu den nichtmenschlichen Tieren. Bevor sie eingehender beleuchtet werden, lohnt ein Blick auf die aktuelle rechtliche Stellung der Tiere in der Gesetzgebung.

Über die gesetzliche Lage schrieb ich kurz im Kapitel »Rechtliche Stellung der Tiere oder Political Correctness« [1]. Hier zwei wesentliche Gesetzestexte, die auch einem Nichtjuristen dieses Verhältnis erhellen und Stoff zum Nachdenken liefern.

Grundgesetz, Art. 20a: »Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.«

Die erwähnte Gesetzgebung ist konkreter und eindeutiger. Man beachte den letzten Satz im § 90a des BGB, der keiner großen Analyse bedarf: »Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.«

In den ersten zwei Sätzen ertönt die Moral. Dem folgt ein kaum verklausulierter Satz, der rechtlich freie Hand lässt für das Nutzen der Tiere in dem Sinne, wie er durch die Bibel missinterpretiert wurde und immer noch wird: »Macht euch die Erde untertan«.

So werden die Rechte der Tiere philosophisch, religiös und ethisch kontrovers diskutiert. Was sagt der gesunde Menschenverstand, der auf Moral oder Ethik achtet? Was sagt das Gewissen, sofern es nicht verdrängt wird?

Tiere und Bewusstsein

Wenn Worte fallen, nicht nur über den Tierschutz übrigens, lohnt es, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen [2]. Bei den Tierschutzgesetzen ist nur ein kleiner Blick über die wohlklingenden Präambeln hinweg erforderlich, um die ersten Misstöne zu entdecken (s. oben).

Es sind eben kontroverse Standpunkte, die da entgegenstehen. Um jedoch nicht zu verdrängen und die Kontroversen irgendwelchen unpersönlichen Standpunkten zuzuschreiben: Es sind Menschen, die unterschiedliche Meinungen haben. Das ist zunächst normal. Wer mit Demokratien sympathisiert, muss ohnehin kontroverse Meinungen ertragen. Das gelingt nicht allen, das gelingt nicht immer. Ein kurzer Blick auf die Postings in Social Media und es wird klar, dass nicht jeder, der Demokratie verbal vertritt, sich demokratisch benehmen kann.

Zurück aber zu den Kontroversen bezüglich der Behandlung der Tiere durch Menschen. Hier muss ich nicht den Begriff nichtmenschliche Tiere benutzen, um Widersprüche hervorzurufen. Es reicht die These, Tiere haben ein Bewusstsein.

Zugegeben, dass dies kontrovers diskutiert werden kann. Moral, Ethik, Philosophie sind hierbei involviert, nicht allein die Biologie oder die Neurowissenschaften. Wie angeführt, wer sich demokratisch wähnt, muss mit unterschiedlichen Meinungen umgehen können. Auch mit Meinungen, die den eigenen widersprechen. Keine Meinung ist alternativlos [3]. Menschen, die alternativlos alternativlose Götter oder Meinungen vertreten, haben genügend Leid verursacht.

Bevor ein Blick auf die Cambridge Declaration on Consciousness geworfen wird, einige weitere Beispiele, die auf ein Bewusstsein bei Tieren hindeuten. Weitere Beispiele, da einige bereits in dem Beitrag »Das Tier: Es ist nur ein Stück Fleisch« [4] aufgeführt wurden.

Dieser Beitrag ist gerade zwei Jahre alt. Seitdem kamen neue Beispiele hinzu. Hier einige davon (Quellen gerne auf Anfrage):

  • Kraken träumen
  • Tintenfische können sich beherrschen
  • und sie fressen vorausschauend
  • Bei Schleimpilzen ist von einer hirnlosen (nur im wörtlichen Sinne) Klugheit die Rede
  • Bei Kohlmeisen erkennt man einen kulturellen Fortschritt
  • Bonobos fühlen sich verpflichtet
  • Affen verstehen Grammatik
  • Affen trauern, Schimpansen trauern wie Menschen
  • Gorillas trauern ebenso um ihre Toten
  • Kultur der Schimpansen ist überraschend vielfältig
  • Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
  • Säugetiere waren schon zu Dino-Zeiten sozial
  • Social Distancing ist keine Erfindung des Menschen, denn das praktizieren auch die Vampirfledermäuse
  • Forscher weisen Bewusstseinsprozesse im Gehirn von Vögeln nach
  • und passend dazu: Das Gehirn von Vögeln ist unserem ähnlicher als gedacht, womöglich haben sie auch Bewusstsein
  • Bienen schätzen Wahrscheinlichkeiten ein
  • Wahrscheinlichkeiten begreifen auch die Keas
  • Kühe verkraften Stress besser, wenn die Freundin dabei ist
  • »Hörensagen« warnt Dohlen vor bösen Menschen
  • Wale und Delfine nahm ich in diese Liste nicht auf. Auf sie gehe ich ausführlich separat ein.

Cambridge Declaration on Consciousness

Fortsetzung folgt …

---

[1] Die Tiere und ihre Seele

[2] Worte hinterfragt

[3] Hinterfragt: Alternativlos

[4] Das Tier: Es ist nur ein Stück Fleisch

- Reihe »Lebewesen, Fleischkonsum, Seele« …

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
Neue Beiträge und mehr im Samstags-Newsletter …