Kopftuch, Entscheidungsfreiheit, Christentum und Islam
(»Entscheidungsfreiheit«, Beitrag 02)

Seelengeflüster und Gedanken zur Zeit

Es sind die Entscheidungen einzelner Menschen, die zur Entwicklung der Spezies Mensch zum Guten hin beitragen.
Jan Schneider

Kopfbedeckungen der Frauen und Unterdrückung

Hidschab, Tschador, Niqab, Burka oder das Kopftuch: Erlauben, verbieten und überdies bestrafen? Selbstbestimmung oder Unterdrückung der Frauen? Nachvollziehbar wären die Abwägungen wegen der Vollverschleierung, da die Vermummung in vielen europäischen Ländern verboten ist.

Warum werden diese Diskussionen mit dem Islam verbunden, warum nicht auch mit anderen Religionen? Warum nicht mit dem Christentum?

Weil der Islam eine fremde Religion und eine fremde Kultur sei?

Weil das Christentum die Frauen nicht unterdrücke, ihnen die Entscheidungsfreiheit ihrer Kleidung lasse? Eine mutige Argumentation, wenn Frauen in der katholischen Kirche die allgemeine Ordination - auch die Priesterweihe – immer noch verwehrt ist. Entscheidungsfreiheit ist das keine.

Also doch Gemeinsamkeiten in der Einschränkung der Frauenrechte in beiden Religionssystemen.

Frauen, die ihr unbedecktes Haupt schänden

Frauen, die ihr unbedecktes Haupt schänden, das ist kein Text aus dem Koran. Das ist ein Text aus der Bibel im ersten Brief Paulus an die Korinther (1. Kor 4-10; Lutherbibel, revidierter Text 1984):

»Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; […] Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. […] Darum soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben um der Engel willen.«
(Anmerkung in der Luther-Bibel: »›Macht‹ bedeutet wohl ›Schleier‹«.)

Nur die Männer sind Gottes Abbild und Glanz, sie dürfen in der Kirche ihre Kopfbedeckung ablegen. Frauen ist das verboten, da sie kein Abbild Gottes, sondern des Mannes sind, aus dessen Rippe sie geformt wurden.

Häufig höre ich zu manchen Bibeltexten Erklärungen der Art: »Das ist überholt, das leben wir heute nicht mehr so, das machen wir jetzt anders.« Es ist erneut eine gewagte Aussage, gehören doch diese Texte zum Bibelkanon, also der auch heute noch geltenden und verbindlichen religiösen Basis.

Es kann jemand einwenden, ein Kopftuchverbot für islamische Frauen gelte nur in der Öffentlichkeit. Könnte es sein, dass er denn Splitter in dem fremden Auge sieht, nicht aber den Balken im eigenen?

Ob im Christentum oder im Islam – die Freiheit der Kopfbedeckungswahl bleibt dem Mann vorbehalten. Das ist eine unstrittige Gemeinsamkeit und eine von den religiösen Machthabern abgesegnete Unterdrückung der Frauen. Nachvollziehbar daher, dass die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann ein so junges Kind der letzten Jahrzehnte ist (s. erster Beitrag).

Pflicht zu eigenen Entscheidungen

Will ein Mensch ethisch oder spirituell entscheiden und leben, muss er zwischen der äußeren Religion als Institution und der inneren Religion als Spiritualität oder Glaube unterscheiden. Er muss auf sein Herz und seine Seele hören und Gott in sich selbst finden.

Wer sich diese Entscheidungsfreiheit verbietet, entscheidet sich für eine Abhängigkeit von einem System aus Menschenhand mit all den Schwächen und dunklen Seiten des Menschen. Des Menschen, nicht eines Gottes oder einer geistig-spirituellen Entität.

Muss sich ein Mensch diesen Mächten beugen und in ihrem Sinne entscheiden, hat er keine andere Wahl? Wenn die Antwort »Ja« lautet: Wie kann sich die Spezies Mensch zum Guten hin entwickeln?

Es sind die Entscheidungen einzelner Menschen, die zur Entwicklung der Spezies Mensch zum Guten hin beitragen.

Der Weg zu Entscheidungsfreiheit

Einen sicheren Weg dorthin offenbart einer der schönsten Texte über die Liebe – das Hohelied der Liebe. Wir Menschen lernen auf der Erde die Liebe – allein und mit anderen Seelen. Dieses Lernen ist nur in der Koexistenz des Bösen und des Guten möglich. Wie sonst entscheiden, wie sonst lernen?

Das Hohelied der Liebe findet sich ebenfalls im ersten Brief Paulus’ an die Korinther (1. Kor 13). Eine frappierende Nähe zu dem frauenfeindlichen Text wenige Verse davor.

Das Hohelied beginnt mit »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.«
Und ich würde nicht richtig entscheiden, ich würde nicht richtig leben, lässt sich das ergänzen.

Die Liebe »freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit«.
Diese haben aber keine Menschen für sich gepachtet, an dieser muss ein jeder Mensch selbst arbeiten.

Paulus – Frauenhass und Liebe. Paulus – ein Mensch eben.

Der Mensch muss selbst entscheiden. Der Mensch darf nicht die Entscheidungsanweisungen anderer Menschen gedanken- und herzlos übernehmen. Damit ist keine Menschenseele einverstanden. Und der Mensch muss anderen ihre Entscheidungsfreiheiten lassen, auch wenn die Entscheidungen anders sein mögen.

Eine andere Sichtweise

Man stelle sich die Erde und die Spezies Mensch aus der Perspektive der ETs vor. Die Außerirdischen sehen über 7 Milliarden Menschen, die streiten und kämpfen, die sich in Nationen, Religionen oder wertvolle und weniger wertvolle Menschen unterteilen.

Sie unterteilen ihre Spezies in wertvolle und weniger wertvolle Rassen, obwohl ein jeder Mensch von seinen Wurzeln her ein Afrikaner ist.

Und dieser vermeintlichen Unterschiede wegen, bekriegt er sich nicht nur mit dem Wort, welches er manchmal heilig nennt. Er setzt Waffen ein, mit denen er im Namen eines Gottes seinen Nächsten mordet und Teile seiner Spezies ausrottet.

Es ist gut, dass der ET noch nicht bei uns angekommen ist.

Und wenn er uns bereits beobachtet?

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Links zum Beitrag:
- Entscheidungsfreiheit, Einleitung (mit Angaben zu Frauenrechten in Deutschland)
- Sind wir allein im Universum? (Teil 1)

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Jan
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Jan Schneider, Autor

 

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