Gehört der Islam zu Deutschland?
Die richtige Frage lautet anders

Seelengeflüster und Gedanken zur Zeit

(Fortsetzung »Entscheidungsfreiheit«)

Will ein Mensch ethisch oder spirituell entscheiden und leben, muss er zwischen der äußeren Religion als Institution und der inneren Religion als Spiritualität oder Glaube unterscheiden.
Jan Schneider

»Islam gehört zu Deutschland«; dieser Satz, ob Feststellung oder Frage, ist kein Kind des Jahres 2015. Er ist sicher ein Jahrzehnt älter, und ist immer noch eine Quelle von Diskussionen oder häufiger – von Polemik. Polemik aber ist keine Diskussion, zumindest keine, die nach Antworten sucht.

Überschaubare Horizonte mit Polemik, Radikalismus oder Fake News

Die Befürworter der Dazugehörigkeit des Islams führen Beispiele von Muslimen aus deutscher Politik oder Kultur auf und appellieren an die Moral. Die Gegner kontern mit Salafisten und Terroristen und appellieren an den Selbsterhaltungstrieb des Volkes. So gehören Polemik und Radikalisierung zum Werkzeug beider Lager. Das ist nämlich die unsachliche Zuordnung der Andersdenkenden zu den Radikalen oder zu den Gutmenschen.

Statistiken werden den eigenen Überzeugungen entsprechend interpretiert oder ausgewählt. Und wenn es dienlich ist, werden die Statistikquellen nicht erwähnt: Wer erhob die Statistik, wie wurden die Fragen formuliert, wie viele Menschen wurden befragt, war es ein Querschnitt der Bevölkerung? Die Aussagen der ZEIT-Leser unterscheiden sich von der BILD-Leserschaft.

Stehen keine passenden Statistiken zur Disposition, baut sich der Mensch seine eigenen Beweise. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Fake News. Dieses Instrumentariums bedient sich auch der mächtigste Mann der Welt. Er entschuldigt gleichzeitig diejenigen, die Fake News nicht erkennen. Sinngemäß gab Trump von sich: Zu kompliziert sei die Welt, auch durch die Computer, da blicke doch keiner durch.

Also bauen sich Trump und andere ihre eigene Welt mit einem überschaubaren Horizont und verdammen diejenigen, die darüber hinaus schauen. Wenn Trump & Co. sich auf Gott berufen: Eine missverstandene Auslegung der biblischen Seligpreisung der Armen im Geiste?

Differenzierung unerwünscht

Die Radikalisierung durchdringt und spaltet die Gesellschaft; doch nicht Facebook oder andere soziale (sic!) Medien sind die Ursache. Wer postet die Inhalte? Gibt sie das böse Facebook vor oder ist es nicht doch der Nutzer selbst? Ein Messer ist nicht böse, ein Messer ist nicht gut. Es kommt ausschließlich darauf an, wie es der Mensch benutzt.

Wer nicht umgehend der eigenen Meinung zustimmt, wer hinterfragt und differenziert, dem werden unreflektiert radikale Attribute verpasst: Gutmensch oder Willkommensklatscher auf der einen Seite, Nazi oder Fremdenhasser auf der anderen. Dazu reicht manchmal der Hinweis darauf, dass mit den Fremden nicht nur Verfolgte ins Land kommen.

Zu diesem Mangel an Differenzierung tragen viele der etablierten Medien in ihren Diskussionsrunden bei. Und manche Politiker. Wer seiner Macht göttergleich vertraut, unterliegt der Versuchung, für mehrere Länder sprechen und bestimmen zu wollen. Nicht das »Wir schaffen das« meine ich, sondern die Vorgaben, wie andere Länder die aktuellen Probleme zu lösen haben. Ganz zu schweigen von Trumps oder Erdogans, die Andersdenkende einsperren und die Todesstrafe anstreben.

Das ist keine Demokratie.

Die animose Einstellung differenzierenden Menschen gegenüber kann einen weiteren Grund haben. Wer differenziert, beweist, dass dies auch in einer komplexen Welt möglich ist. Differenzierung bedeutet, eigene Stellung zu beziehen und nicht dem Trend, dem Hype oder den meisten Likes nachzueifern. Und gravierender: Differenzierung bedeutet Arbeit. Das ist nicht jedermanns Sache.

Das ist keine Reife.

Die Folgen falscher Fragen

Mal angenommen, es gibt keine dummen Fragen. Es gibt aber falsche Fragen. Bei den erwähnten Statistiken sind das suggestive Fragen, die gewisse Antworten erzwingen wollen.

Wer »Heißt du Flüchtlinge willkommen?« oder »Ist dir Deutschland wichtig?« fragt und ein uneingeschränktes »Ja« erwartet, lässt keine Differenzierung zu und radikalisiert. Er benutzt suggestive und tendenziöse Fragen. Er benutzt falsche Fragen.

Falsche Fragen liefern keine konstruktiven Antworten. Das ist aber oft genug die Absicht.

Die richtige Frage

Nur richtige Fragen führen weiter und bringen den Lösungen näher. Es wissen nicht nur Therapeuten, dass die Arbeit an der richtigen Frage mehr als die halbe Miete sein kann. Die Arbeit an der richtigen Frage kann und führt zu Aha-Erlebnissen, die gleichzeitig eine Antwort sind. Die richtige Antwort.

Doch wie bei der Differenzierung dargelegt, ist auch das richtige Fragen mit Arbeit verbunden. Das ist unbequem.

»Der Islam gehört zu Deutschland« oder zu einem anderen Land, kann weiterführen, wenn die Aussage selbst hinterfragt wird. Es muss ein nicht-islamisches Land sein, es muss also eine andere Religion vorherrschen. Entscheidend ist folglich die äußere Religion, wie in »Kopftuch, Entscheidungsfreiheit, Christentum und Islam«(1) geschildert: »Will ein Mensch ethisch oder spirituell entscheiden und leben, muss er zwischen der äußeren Religion als Institution und der inneren Religion als Spiritualität oder Glaube unterscheiden.«

Institutionalisiertes Christentum oder institutionalisierter Islam sind äußere Religionen und keine innere Spiritualität. Äußere Religionen befolgen moralische Regeln, keine ethischen. Sie helfen dem suchenden Menschen nicht wirklich. Amoralisch zu sein und sich stattdessen um ethisches Leben zu bemühen, ist zwar unbequem. Oft aber ein Gebot der Menschlichkeit. (Über diese Amoralität später mehr.)

Was haben die äußeren, also die institutionalisierten Religionen der Menschheit gebracht? Wer die Geschichte der vergangenen Jahrtausende mutig hinterfragt, findet die Antwort. Institutionen missbrauchen die Religionen. Missbrauchte Religionen brachten, bringen und werden weiterhin Missbrauch bringen. All das im Namen eines barmherzigen Gottes der Liebe. Seine Namen sind austauschbar.

Die richtige Frage lautet nicht, ob eine Religion zu einem Land dazugehört.

Die richtige Frage lautet: Gehören institutionalisierte Religionen zur Menschheit?

Eine bejahende Antwort wäre möglich, wenn die Hoffnung bestünde, religiöse Institutionen und Machthaber würden ihre Macht nicht mehr missbrauchen. Nach Jahrtausenden gegensätzlicher Erfahrungen ist das eine hoffnungslose Hoffnung.

Dennoch ist es kein Widerspruch, wenn ich Kirchen gerne außerhalb der Messen besuche und in ihnen Orte der Kraft und eines lebensübergreifenden Ausgleichs(2) sehe.

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Links zum Beitrag:
(1) Kopftuch, Entscheidungsfreiheit, Christentum und Islam
(2) Orte der Kraft und eines lebensübergreifenden Ausgleichs (Kirchen oder Kapellen)

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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Jan Schneider, Autor

 

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