Innere Kinder und die Aussöhnung mit ihnen

Inneres Kind

Gehört haben wir vom inneren Kind vermutlich alle schon. Keine Vermutung hingegen ist die Feststellung, dass wir alle unsere inneren Kinder haben. Nicht nur ein inneres Kind, sondern eben innere Kinder. Wenn nicht sogar einen inneren Kindergarten! Schlimm? Wohl nur dann schlimm und sehr schade, wenn wir nicht versuchen, unsere inneren Kinder lieben zu lernen.

Das scheinbar Unverständliche an uns

Scheinbar grundlos und wie aus heiterem Himmel abgrundtief traurig? Unfähig, etwas zu tun, zu sagen, sich verbal zu wehren? Urplötzlich in einem seelischen Abgrund, nicht angenommen, unverstanden, verstoßen, entsetzlich einsam? Zornig, wütend? Unser Selbstwertgefühl plötzlich im Keller oder gar nicht mehr vorhanden?

Innere Verbote? Schlechtes Gewissen und ein „Ich darf nicht“ oder unerklärliche Scham, wenn wir uns etwas Schönes gönnen möchten, wenn wir z. B. beim Verrichten unserer Arbeit auch etwas Spaß haben möchten?

Oder auch die andere Seite. Fühlen wir uns plötzlich im siebten Himmel, schweben wir auf Wolke Sieben, möchten die ganz Welt umarmen?

All das können unsere inneren Kinder sein! Innere Kinder, die zum aktiven Leben erweckt wurden. Es ist dabei sehr wichtig festzuhalten, dass dies nicht absichtlich, nicht bewusst geschieht.

Der Bauch und nicht der Kopf!

Innere Kinder sind in uns gespeicherte Erinnerungen an für uns schlimme Ereignisse oder Erlebnisse im Leben, meistens in unserer Kindheit, die sich in unserem Unbewussten eingenistet haben. Da sie unser gesamtes Leben lang reaktiviert, also zum Leben erweckt werden können, können sie sich als lebensprägend erweisen.

Zum Verständnis und noch mehr für die Annahme der inneren Kinder sind zwei Faktoren von entscheidender Bedeutung. Das damalige Ereignis oder Erlebnis hat eine starke emotionale Reaktion in uns ausgelöst; es ist irrelevant, ob es andere Menschen auch so empfunden haben. Zweitens, wir haben dieses Ereignis oder Erlebnis vergessen und können (zunächst) nicht das Damals mit dem Jetzt verknüpfen.

Irreführend und für das Annehmen der inneren Kinder vollkommen ungeeignet ist somit die Definition der inneren Kinder als die im Gehirn gespeicherten Gefühle und Erinnerungen, wie das in einem bekannten Online-Lexikon zu finden ist. Korrekter wäre schon der Hinweis auf das enterische Nervensystem. Doch auch das ist eher der Bauch und keinesfalls der Kopf.

Einige Alltags-Beispiele

Zum Reaktivieren eines inneren Kindes reicht extrem wenig. Es kann ein bestimmter Satz sein, ein einziges Wort oder ein bestimmter Tonfall. Es kann eine Geste sein oder ein Geruch, ein Geräusch, ein Klang. Praktisch alles in unserem Alltag.

Ein leitender Angestellter, der die Familienfeier zu sprengen droht, da er plötzlich vom Tisch aufsteht, wutentbrannt die Tür aufreißt und mit einem für ihn vollkommen untypischen „Ihr könnt mich!“ verschwindet. Später erkannte er sein inneres Kind als den Auslöser. In einem Moment einer tiefen Trauer sagte ihm seine Mutter zwei Worte: „Ach, du!“ Und eben diese Worte fielen an ihn gerichtet am Tisch.

Eine Frau, bei der das Sprechen zu ihrem Beruf gehört. Ihr Problem waren Redeblockaden, die sie, selten zwar, aber in den unpassendsten Momenten bekam, z. B. im Vortrag. Hier wurde ein bestimmter Tonfall der an Sie gerichteten Fragen als der Auslöser ihres inneren Kindes erkannt. Es war eine als herablassend empfundene Frage an sie „Seit wann reden denn die Frösch‘ mit?“, als sie sich im Kindesalter am Gespräch der Erwachsenen beteiligen wollte.

Ein Mitarbeiter in einer fröhlichen Runde nach dem erfolgreichen Projektabschluss. Ein Vorstandmitglied fragt ihn, ob er für das nächste Projekt zur Verfügung stehen würde. Völlig unvermittelt fällt die Antwort „Nie wieder!“ Glücklicherweise konnte der Mitarbeiter diesen Vorfall klären. Jahre später erkannte er sein inneres Kind als den Auslöser. Es war eine bestimmte Art, wie sein Gegenüber seinen rechten Arm hob und dabei den Kopf nach oben streckte. Dies erinnerte ihn – natürlich nicht bewusst – an eine Ohrfeige seines Vaters, die ihn als Kind zutiefst gedemütigt hatte.

Heilung oder Aussöhnung?

Entscheidend ist das Annehmen des inneren Kindes.

Wollen wir nicht mehr, dass sie unberechenbar und unerwartet in unserem Leben auftauchen, so reicht alleine das Annehmen des inneren Kindes aus. Stellen wir uns ein kleines Kind vor, welches uns verängstigt, unsicher oder traurig ansieht. Stellen wir uns weiterhin vor, dass wir in die Hocke gehen oder das Kind auf den Arm nehmen und ihm so ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit vermitteln ...

Nicht viel anders müssen wir mit unserem inneren Kind umgehen. Einfach nur z. B. sagen „Ja Stefanie / Stefan, du hast recht. Das war damals schlimm für uns und keiner versteht das! Komm, wir gehen etwas spielen.“ Lassen wir unbedingt alle Emotionen zu, die nun in uns aufsteigen. Weinen wir, auch wenn wir Männer sind. Wenn es sein muss, dann eben alleine. Vielleicht hilft an dieser Stelle auch der Rückgriff auf das biblische „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“.

Diese Arbeit werden wir vermutlich wiederholen müssen. Nicht weiter verwunderlich allerdings, wenn wir uns verinnerlichen, wie tief und wie oft dieses innere Kind in uns verletzt wurde.

Solch liebevolles Annehmen ist Heilung. Unsere eigene Heilung.

Sie gelingt nicht, wenn wir versuchen, diese Themen zu verdrängen oder sie lediglich mit dem Verstand abzuarbeiten.

Gelebte Liebe

Wir alle haben unsere inneren Kinder; es ist sozusagen Life as usual. Bedenken wir dies im Umgang mit den anderen, so kommen sie uns seltener seltsam vor, wir werden uns seltener fragen müssen „Spinnt der (oder die)?“. Denn in solchen Situationen haben wir eine mögliche Erklärung parat. Wir haben – nicht bewusst – ein inneres Kind erreicht!

Angenommen, ein uns sehr nahestehender Mensch reagiert so, dass wir an seine inneren Kinder denken. Wenn wir ihn nicht alleine stehen lassen, sondern ihm das Konzept der inneren Kinder erklären? Wenn wir uns vielleicht danach gemeinsam auf die Suche nach unseren inneren Kindern begeben?

Das ist mehr als die Aussöhnung mit den inneren Kindern. Das ist gelebte Liebe.

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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