Homo sapiens wusste es

Klima

Nach dem 166. Newsletter wurde ich gefragt, wer den Homo sapiens in den 70-er Jahren vor den Gefahren seines übersteigerten Konsums und dem Klimawandel warnte. Darin schrieb ich: »Lieber Homo sapiens – du hattest Jahrzehnte Zeit. Spätestens in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts (boshafter: Jahrtausends) hatten dich einige deiner Vertreter gewarnt. Du hast sie ignoriert, belächelt oder verdrängt.« *)

Die Anfänge des Wissens

Die ersten Hinweise auf die Treibhauseigenschaften des Kohlenstoffdioxids sind etwa 200 Jahre alt. Entdeckt hat dies Joseph Fourier (1768 – 1830), ein französischer Mathematiker und Physiker. Bewiesen hat dies der schwedische Physiker und Chemiker, Svante Arrhenius (1859 – 1927).

Vereinfacht ausgedrückt, funktionieren Treibhausgase wie ein Filter. Sie lassen das Sonnenlicht, somit auch die Wärme, leicht durch die Atmosphäre auf die Erdoberfläche hindurch. Umgekehrt schirmen sie teilweise die Abstrahlung der Wärme in den Weltraum ab. So ist es auf der Erde um gut 30 Grad wärmer, als dies ohne Treibhausgase (Atmosphäre) der Fall wäre.

Dies gelingt dem Kohlenstoffdioxid, obwohl es ein Spurengas der Atmosphäre ist mit einem Volumenanteil von gerade 0,04 %. Es hat aber Verbündete, die den Treibhauseffekt unterstützen, beispielsweise Methan, Wasserdampf oder Staubpartikel.

Bereits Arrhenius wies daraufhin, dass mit der zunehmenden Industrialisierung und ihrem Einfluss auf die Erdatmosphäre die Temperaturen steigen würden. Er sah dies noch positiv, da die zukünftigen Menschen »unter einem wärmeren Himmel« leben könnten.

»Der stumme Frühling«

Die erste mahnende Stimme war für mich das Buch »Der stumme Frühling« der amerikanischen Biologin Rachel Carson. Sie thematisiert darin die Auswirkungen der Pestizide auf die Flora und Fauna.

Die Lektüre wirkte deprimierend auf mich, sie löste Ängste aus. Da ich durch meinen Großvater geprägt Vögel genauer beobachtete und sie liebte (das bleibt so), hatte ich oft Albträume, in denen ich im Frühling keinen Vogelgesang mehr hörte. Wie kann man da leben, wie Kinder erziehen, fragte ich mich damals noch ohne eigene Kinder.

Club of Rome, »Die Grenzen des Wachstums«

Deprimierender wurde es für mich nach der Arbeit mit dem Buch »Die Grenzen des Wachstums«. Es ist ein Bericht des Club of Rome, einer interdisziplinären und internationalen Organisation, die sich für die Nachhaltigkeit einsetzt. Ein erdrückend dicker Schinken, in dem ich mit der Lektüre hin und her sprang, und nach jedem Sprung niedergedrückter wurde.

Im Gedächtnis geblieben sind die Anfeindungen dem Club of Rome gegenüber. Dass es Wissenschaftler gibt, die sich für tendenziöse Studien kaufen lassen, war mir bewusst. Ich bin ein Kind der Zeit der Kernenergie und des Kalten Krieges, Atomwaffen inklusive sowie er sich widersprechenden Gutachten. Ich begriff damals nicht, warum die Menschheit derart leichtfertig und leichtsinnig ihre Zukunft aufs Spiel setzt, warum ihr das Leben so wenig bedeutet.

Heute ist ein rauer Umgangston eine euphemistische Bezeichnung der Kommunikation in Social Media. Keine Erfindung der gegenwärtigen Zeit ist das jedoch. Lügen und Propaganda setzt der Mensch von alters her ein. Damals lernte ich die fanatische und ideologische Unterdrückung anderer Meinungen auch in privaten Kreisen kennen.

Eine dubiose Klima-Verbindung

Dem ersten Anschein nach haben Versicherungen und der Klimawandel keine Berührungspunkte. Ich staunte Ende der 70-er oder Anfang der 80-er Jahre, als ich von den Gefahren eines Klimawandels in Berichten einer Rückversicherung las. Es war die Münchener Rück, heute Munic Re, die neben den finanziellen Folgen auf die Folgen eines Klimawandels für die Menschen hinwies.

Verschwörungstheoretiker oder Versicherungsgegner wundert diese Verquickung nicht, wissen sie doch von dem Unglück mit dem die Versicherungen und Rückversicherungen ihr Geld erwirtschaften. Das böse Geld?

Heute ist es ein Fakt, dass der Klimawandel Geld kostet. Der Klimawandel oder die heiß diskutierten Projekte, den Wandel zu mildern oder seine Folgen zu managen. Solange die Diskussionen so heiß geführt werden, ist das Klima offenbar nicht heiß genug, um global konzentriert zu handeln.

Die alten und aktuellen Publizierungen der Versicherungen zum Klimawandel führen weiterhin zu heißen Kontroversen. Heute heißer denn je, was jedoch nicht dem Klima der Natur geschuldet ist, sondern den Postings in Social Media.

Die neuen Kassandras

Die Munic Re unterhält eine eigene Abteilung zur Erforschung von Naturgefahren und Klimarisiken. Sie ist nicht die einzige Gesellschaft. Wie auch immer jemand die Beweggründe von Versicherungsunternehmen bewerten mag, sie haben ein essenzielles Interesse an einer zutreffenden Einschätzung von Gefahren. Es lohnt daher, ihre Publikationen oder ihre geschäftlichen Engagements zu verfolgen. Auch wenn das Ängste verursacht, wie das in meinen jüngeren Jahren der Fall war.

Es sind etwa 40 Jahre her, da Munic Re auf die Folgen des Klimawandels hinwies. Die Inhalte deckten sich damals mit den Ermahnungen anderer Kassandras. Kassandras waren sie, Kassandras bleiben sie. Denn wie die Trojaner Kassandra keinen Glauben schenkten, so werden die heutigen Mahner überhört, belächelt, verhöhnt.

Die Kritiker

Die Munic Re steigt aus Kohleversicherungen aus. So versichert sie keine Neubauten von Kohlekraftwerken oder Kohleminen mehr oder streicht Policen für Häfen, die hauptsächlich der Kohleverschiffung dienen. Dadurch verzichtet sie auf ein Beitragsvolumen von rund 50 Millionen Euro im Jahr.

Und wieder kann jemand monieren, was seien 50 Millionen weniger im Vergleich zu einem Umsatz von 49,1 Milliarden EUR und einem für 2020 angepeilten Gewinnziel von 2,8 Milliarden Euro.

Was ist der Beitrag dieser Kritiker in puncto Umweltschutz?

 
Wie ich mit den Ängsten der 70- und 80-er Jahre umzugehen lernte und heute damit lebe, folgt im Newsletter und im Web.

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*) Ich bin kein Klima- oder Wissenschaftshistoriker, ich schreibe hier von den Kassandras der Menschheit, die sich mir in meiner Jugend einprägten.

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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