Vom guten Ego - Fragen an und über das Ego

Spiritualität

Die Polarität ist allgegenwärtig. Obwohl diese Feststellung wahrhaftig nicht nobelpreisverdächtig ist, scheint sie im Bezug auf das Ego angebracht zu sein. Zu oft kann gehört und gelesen werden: Du musst dich von deinem Ego befreien, das Ego hindert dich an deiner spirituellen Entwicklung, das Ego ist der Grund des Übels, Ego und Liebe gleichzeitig sind unmöglich etc. pp. Etwas umgangssprachlicher wird das mit „Hochmut kommt vor dem Fall“ zum Ausdruck gebracht oder mit dem Verbot, Sätze mit „Ich“ zu beginnen.

Sicher gibt es den Egoismus, wie er im Duden mit dem Streben nach Vorteilen für die eigene Person ohne Rücksicht auf die Anderen definiert wird. Hier geht es jedoch nicht um den Egoismus, sondern um das Ego selbst. Das Wort „Ego“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Ich“. Alle Schritte gegen das Ego sind somit Schritte gegen das Ich, gegen das Selbst, gegen die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Selbstwert, Selbstbewusstsein? Sind das nicht Synonyme für Ich-Wert und Ich-Bewusstsein, also Ego-Wert und Ego-Bewusstsein? Sind Selbstwert und Selbstbewusstsein nur schlecht und nichts Erstrebenswertes?

Wäre das Ego nur schlecht, müssten folgerichtig die Menschen gut sein und richtig handeln, die andere Egos unterdrücken. Dann wären auch die Eltern als gut zu bezeichnen, die ihre Kinder nicht unterstützen und nicht dazu ermutigen, eigene Wege zu gehen. Dann wäre das „Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst …“ ein Ausdruck einer richtigen, da das Ich unterdrückenden Erziehung.

Das Geschenk des Lebens

Das Leben ist das größte Geschenk, welches wir hier auf Erden empfangen haben. Dieses Leben mit diesem Körper auf dieser Erde ermöglicht es uns erst, den Lebensweg zu gehen und zu lernen.

Natürlich kann ich die Annahme eines Geschenks verweigern, auch wenn dies sicher ein starkes Zeichen wäre. Das Geschenk des Lebens haben jedoch meine Seele und daher auch ich nicht verweigert, denn sonst wäre ich nicht hier.

Ein angenommenes Geschenk geht mit einer Verpflichtung einher, es zu nutzen. Wir Menschen leben eingebettet in etwas Größeres, Transzendentes, welches an dem Geschenk des Lebens mitbeteiligt ist. So leben wir mit der Verpflichtung, dieses Geschenk des Lebens nicht mit den Füßen zu treten, sondern es zu nutzen.

Das ist nur dadurch möglich, dass wir für uns sorgen, unsere Möglichkeiten leben, uns entfalten, uns und unser Leben lieben.

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst

Der Satz „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ findet sich in der Bibel gleich an mehreren Stellen. Sehr deutlich ist dies im Markus-Evangelium zu finden: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer denn dieses.“

In dem apokryphen Evangelium von Thomas heißt es „Liebe deinen Bruder wie deine Seele; wache über ihn wie über deinen Augapfel.“ Oder noch schöner, allumfassender: „Wer das All erkennt, sich selbst aber verfehlt, verfehlt das Ganze.“

Die Aufforderung, auch die Anderen zu lieben, ist jedoch keine christliche Erfindung. In den älteren hebräischen Quellen ist diese Aufforderung zur Selbst- und Nächstenliebe durch ein „denn er ist wie du“ begründet, was auf das Göttliche in allen Menschen hinweist.

Menschen, die Mut geben

In Zeiten, in denen es uns nicht so gut geht oder in denen wir auf der Sinnsuche sind: Wie oft schauen wir zu Menschen auf, die stark sind, die ihren Weg gehen, die ihr Leben meistern?

Diese Menschen können Kraft, Mut und Zuversicht geben, selbst mit einer Krisensituation fertig zu werden.

Es sind charismatische Menschen. Was ist aber Charisma? Ist es die Abwesenheit des Ichs bei einem Menschen?

Reifungsstufen und Zäsuren im Leben

Warum werden so viele Reifungsstufen durch Lebenskrisen erreicht? Ob eine körperliche Krankheit, die das Ich existenziell bedrohte, oder eine Depression, in der das Ich nicht mehr auffindbar war: In einer solch schweren Lebenskrise steht das Ich zur Disposition.

Erst der vielleicht nicht von Anfang an bewusste Entschluss, sich nicht aufzugeben, nicht das Leben aufzugeben, sondern das Ich doch zu leben, führte aus solchen existenziellen Krisen heraus und ermöglichte ein Leben mit einem gestärkten Ich.

Es ist dann ein Leben mit einem Ich, welches sich selbst und die anderen wertschätzt, weil es sich um die Bedeutung des Ichs und des Lebens bewusst ist. Eines jeden Lebens, eines jeden Menschen, eines jeden Egos.

Ego, Partnerschaften und Ich-Botschaften

Ist ein schwaches Ich, welches seine Größe im Partner sucht, eine Bereicherung oder eher eine Last für den anderen? Kann ein schwaches Ich dem anderen Ich behilflich sein, wenn es mal echte Hilfe benötigt? Ist es nicht eine Belastung für den Partner, wenn er für mein eigenes Glück verantwortlich gemacht wird?

In der Psychologie, in der Psychotherapie und besonders in der Paartherapie, in der gewaltfreien Kommunikation: Mit den Mitteilungen, wie es mir geht, wie ich etwas empfinde, kann ich Konfliktsituationen entschärfen und natürlich auch vermeiden. Mein Partner fühlt sich nicht angegriffen, erfährt etwas über meine Innenwelt und ist so bereiter, über sich selbst etwas mehr zu offenbaren.

Damit ich jedoch mit Ich-Botschaften friedlich kommunizieren kann, muss ich mich auf das eigene Ich erst einlassen, muss ich zunächst mich selbst ansehen, damit ich erfahre und erfühle, wie es mir geht.

Die Weiterentwicklung der Menschheit

Wie wir uns in unzähligen Generationen respektive Inkarnationen weiterentwickeln, das wissen wir nicht. Unsere Seele weiß es, sie verrät es aber nicht oder nur sehr dosiert; sie wird ihre Gründe haben.

Es wird die Zeit kommen, in der wir unsere Mitgeschöpfe, die wir heute Tiere nennen, nicht mehr essen werden. Es wird die Zeit kommen, in der wir für das Ego keine Lanze brechen müssen, da es grundsätzlich gut ist, weil es immer mich und dich gleich liebt.

Die Zeit wird kommen. Wir können jedoch keine Entwicklungsstufen überspringen. Hajo Banzhaf hat es wundervoll in der Reise des Helden im Tarot beschrieben. Wenn wir eine uns nicht so willkommene Karte zu überspringen versuchen, wird uns das Leben ganz sicher wieder vor diese Karte platzieren, auf dass wir diese Lektion lernen dürfen.

Zum Abschluss ein Zitat aus „Gespräche mit Gott“ von Neale Donald Walsch: „Das Wort ‚Ich‘ ist der Schlüssel, der die Maschine des Erschaffens in Gang setzt. Die Worte ‚Ich bin‘ sind außerordentlich machtvoll. Sie sind Aussagen gegenüber dem Universum.“

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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