Gretas Gesicht

Greta

Zu Greta Thunberg verfasste ich zwei Texte, wobei ich den ersten mit einem bewusst provokant-missverständlichen Titel versah: »Greta Thunberg aussortiert – schöne neue Zukunft ohne Greta-Ärgernisse«. Der Titel ist ironisch gemeint und weist auf die Nähe von Genie und Wahn hin, wie es der Volksmund ausdrückt.

Aber da Wahnvorzeichen vorgeburtlich aussortiert werden, resümierte ich: »Durch das Aussortieren von Embryonen mit Störungen befreit sich die Menschheit von kreativen Menschen, von Künstlern und Problemlösern, von Eigenbrötlern, Philosophen und anderen problembehafteten Individuen, die provozieren, hinterfragen, beunruhigen.«

Dieses Thema setze ich nun fort.

Es ist nicht der Hass

In Greta sind Erde, Frau und Kind vereint, für manche vielleicht auch die Behinderung. Es muss nicht immer Hass sein, der einen Menschen gegen sie aufbringt. Sein Unbewusstes kennt kein Mensch, es ist ergo keinem Menschen bewusst, was ihn alles zu seinen Worten bewegt, welche Beweggründe er hat.

Hat jemand Angst vor einem Klimawandel? Diese Angst lässt sich verdrängen, wenn seine Verkünder stumm gemacht werden. Das gelingt mit einer Diskreditierung dieser Stimmen, einer Verleugnung oder Verleumdung. Und wenn dies kollektiv gelingt, gelingt die Verdrängung leichter. Wie war das mit den Millionen von Fliegen? [1]

Hat jemand Ängste vor einer eigenen – vermeintlichen – Unzulänglichkeit? Social Media präsentiert Bilder perfekter Menschen, wobei dazu auch ein quadratischer Podex gehören kann. Aber er ist bekannt, er gehört einer VIP.

Obwohl es doch jedem bekannt sein dürfte, dass zwischen der Aufnahme und der Veröffentlichung einige Arbeitsschritte mit Photoshop oder einer anderen Fake-Software liegen, prägen sich die perfekten Bilder ein. Leider wirken sie auch.

Die Schönen und Reichen (nicht immer im Geist) muss man bewundern, die weniger Schönen sind willkommene Projektionsflächen: Sie ist hässlich, grässlich, alt oder fett. Sie, nicht ich. Und schon sind die Neurosen leichter zu ertragen.

Diese Abwehrmechanismen sind nicht a priori schlecht. Ohne diese Mechanismen hätte die Menschheit nicht überlebt. Sie muss ihre Abwehr jedoch nach und nach erkennen und daran arbeiten, wenn sie denn reifen will. Das wird viel Zeit erfordern.

Gretas wutverzerrtes Gesicht

Nach Gretas Rede beim UN-Klimagipfel findet sich ihr emotional bewegtes Gesicht in den Medien gehäuft. Es gibt jedoch nicht die Medien, ebenso wenig wie den Stau, die Ungerechtigkeit, den Missbrauch. Das ist eine kollektive Abwehr, die das Menschengemachte zu einem Abstraktum deklariert, welches die Verantwortung zu tragen hat.

Nein, all das ist menschengemacht, all das sind Folgen unseres Tuns. Es lebt sich aber leichter ohne dieses Wissen, es lassen sich Informationen leichter verkaufen und viele Menschen erreichen, wenn diese Hintergründe missachtet werden.

So wie es sich mit Sex leichter verkaufen lässt, so erleichtern auch negative Nachrichten und negative Bilder den Verkauf, sie garantieren eine größere Reichweite in den Medien. So musste wohl Gretas Gesicht als Verbreitungsantrieb her und als die Projektionsfläche. Das wissen nicht die Medien, das wissen die Menschen hinter den Medien und nutzen es gerne und ungeniert aus.

Das ist aber eine alte Geschichte. Man beachte nur die Bilderauswahl zu den VIPs, die davon abhängt, wie ein Mensch ankommen soll.

Greta soll wohl schlecht ankommen. Weil Frau? Weil Kind? Weil Behinderung?

Oder es ist doch das schlechte Gewissen, welches an Club of Rome vor vielen Jahrzehnten her erinnert. Das schlechte Gewissen, welches an eine Zeit erinnert, in der wir als Spezies hätten handeln können.

Dieses schlechte Gewissen muss verdrängt werden: Böse Greta. Keine Ahnung aber herumschreien.

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[1] Ein Sponti-Spruch: Leute esst Sch…, Millionen Fliegen können nicht irren.

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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