Greta und die Bahn: Klima was?
Greta und die Abwehrmechanismen des Menschen

Greta, Bahnreise

Die Berichterstattung

Kaum eine der überregionalen Zeitungen, kaum ein regionales Blatt, welches nicht über Greta schreibt. Google liefert in seinen News nur einen Tag nach dem Ende der Klimakonferenz Berichte über Gretas Zugreise an der ersten Stelle.

Eine Kostprobe der Titel: »Liebe Bahn, wie kann man das so verbocken?« (Spiegel), »Zug überfüllt Die Bahn zofft sich mit Greta« (Berliner Kurier), »PR-Gau der Klimaaktivistin? Greta Thunberg reist im ICE Erster Klasse« (ntv), »Thunberg und der überfüllte ICE: Das Scheitern im Hintergrund« (Nürnberger Nachrichten).

Doch soll Greta von der Bundesbahn verwöhnt worden sein, ihr Foto auf Twitter sei eine Fälschung, weiß ein Blatt aus Tirol: »Greta Thunberg blamiert sich mit gefälschtem Zug-Foto«. Den Service bestätigt die WELT: »Die Bahnmitarbeiter haben sich ein Bein für Greta ausgerissen« und der BR wird deutlicher: »In Erster Klasse betreut: Bahn stichelt gegen Greta«. Eine beBILDerte Zeitung schlagzeilt ausführlicher (man staune, mit nur einem Ausrufezeichen): »Nach Foto aus „überfüllten Zügen“: Deutsche Bahn schlägt zurück! Greta reiste auch 1. Klasse mit Sitzplatz. Die Aktivistin kontert: Ich saß in zwei Zügen auf dem Boden«.

Wäre das einer der unzähligen Promis von Skandälchen und Social Media Gnaden, fände ich das keiner Erwähnung wert. Es ist aber Greta und somit das Thema, welches sie repräsentiert. Hm, welches Thema denn? Die Bahn, die Fakes, den Boden, das Sitzen?

Das Klima

Es handelt sich um das Klima, von welchem wir abhängig sind, was von vielen verdrängt wird. Von Politikern wird es nicht ernst genommen, wie es die soeben beendete UN-Klimakonferenz in Madrid manifestiert. Ablehnen, vertagen, blockieren, negieren heißt die Devise, »weitgehend ergebnislos« (Spiegel) das Fazit und »kein Durchbruch in Sicht« (ZDF).

Hofft da jemand, das Klima erkennt unser redliches Bemühen an und lässt Gnade walten?

Es ist das alte Lieblingsspiel des Menschen mit seiner Verantwortung, die er so gerne externalisiert. Zwei Schlagzeilen nur: »Das Klima kippt – die Politik versagt auf ganzer Linie« (t-online), »Pressestimmen zur Klimakonferenz in Madrid »Auf welchem Planeten leben die denn?« (Spiegel). Ja, wo leben die denn, die da, die anderen, die da oben, die schon immer schuld sind. Die meisten »die da« sind demokratisch gewählt und oder offensichtlich geduldet. Ja, von wem denn?

Doch die Rettung strahlt bereits am nicht nur medialen Horizont: Die Atomkraft könnte es richten und das Klima retten; die Diskussionen darüber flammen auf.

Lieber Homo sapiens – du hattest Jahrzehnte Zeit. Spätestens in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts (boshafter: Jahrtausends) hatten dich einige deiner Vertreter gewarnt. Du hast sie ignoriert, belächelt oder verdrängt.

Der Sinn: Abwehr

Der Sinn dieser massenhaften Berichterstattungen über Gretas Bahnreise einen Tag nach den entlarvenden Ergebnissen der Klimakonferenz? Wer dies und den Menschen in seiner Gesamtheit zu betrachten vermag, weiß um dessen alleinige Verantwortung und erkennt darin die Versuche, die drängenden Themen des Klimawandels abzuwehren.

Offenbar muss es wesentlich stärker wehtun, bevor die junge Spezies Mensch, ein Kind unter den gegenwärtigen Spezies der Erde, verantwortungsbewusst handelt.

Verschwörungsmächte

Nicht nur Trump rettet sich mit fehlenden Beweisen des menschlichen Einflusses auf das Klima, mit Fake News böser Medien oder mit Verschwörungen von Menschen, die ihm und seiner Wirtschaft schaden wollen. Verschwörungsmächte könnte man in der deutschen Medienlandschaft vermuten, wenn sie massiv auf Gretas Bahnreise setzen, statt auf die Klimakonferenz.

Das ist nicht erforderlich. Es ist keine böse Macht vonnöten, die ihre Macht über die Medien einsetzt. Es ist weiterhin das alte Lieblingsspiel des Menschen mit seiner Verantwortung.

Es ist unbequem und abträglich für die Quoten und die Likes, über Unbequemes zu berichten. Quoten und Likes erhält, wer den Menschen vom Übel der Verantwortung befreit.

Endlich kann Greta zu einem normalen VIP degradiert werden. Damit lässt sich die mediale Aufmerksamkeit ungefährlich und auf breiter Front erzielen.

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Fotoquelle: Greta Thunberg auf Twitter

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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