Greta Thunberg aussortiert – schöne neue Zukunft ohne Greta-Ärgernisse

Behinderung

Ob Greta recht hat, ob Schule für Demonstrationen geschwänzt werden darf, wird in Social Media zur Genüge diskutiert oder fragwürdig kommentiert. Mir geht es um einen Aspekt, der in den sozialen Medien mit einem nichtsozialen Tonfall verbreitet wird.

Greta ist nur ein lästiges Ärgernis

Greta Thunberg soll das Asperger-Syndrom haben. Deutlicher ausgedrückt, und das ist mit dem Hinweis auf das Asperger-Syndrom gemeint: Greta ist (geistig) behindert. Auf den Unterschied zwischen Behinderter und Mensch mit Behinderung wies ich bereits hin [1]. Diese Feinheiten sind für die sozialen Multiplikatoren dieser Nachricht meist nicht relevant. Nicht relevant oder unbekannt sind ebenso die Unterschiede zwischen Symptomen und Syndromen. Und wer definiert, was eine Behinderung ist?

Relevant ist allein die geistige Behinderung. Nicht immer ausgesprochen, aber doch gemeint. Das spricht Greta das Urteilsvermögen ab, ihre Argumente müssen nicht hinterfragt werden. Ein Mensch mit einer geistigen Behinderung, dazu ein Kind, verdient keine Beachtung. Greta wird zu einem lästigen Ärgernis, dem die Medien ein Gehör verschaffen.

Trump kann weiterhin über den Klimawandel lästern. Die Kältewelle in den USA inspiriert ihn zu geistigen Höhenflügen auf Twitter, in denen er die globale Erwärmung um ihre Rückkehr bittet: »What the hell is going on with Global Waming? Please come back fast, we need you!« (Was zur Hölle ist mit der globalen Erwärmung los? Bitte komm schnell zurück, wir brauchen dich!)

Das Begreifen des Unterschieds zwischen Klima und Wetter übersteigt immer noch seine geistigen Horizonte. Menschen mit kognitiven Verzerrungen sind durch Argumente nicht zu überzeugen.

Die Welt ist wieder in Ordnung, der Klimawandel chinesengemacht, eine Erfindung der Unwissenden oder der bösen Medien.

Noch nicht gelernt

Wie fundiert ist das Wissen der Greta-Kommentatoren über das Asperger-Syndrom? Vermutlich reicht ihnen die Verbindung mit einer geistigen Behinderung, um über Greta zu urteilen. Das ist bequem, entbindet dies doch von jeglicher Argumentationsarbeit und hilft weiterhin beim Verdrängen.

Wenn ich mir manche Beiträge, nicht nur über Greta, ansehe, kommt mir erneut ein böser Verdacht auf: »Der Unterschied zwischen den Menschen mit Behinderung und denen ohne besteht manchmal darin, dass die Erstgenannten um ihre Behinderung wissen.«

Wie antworten Menschen, die heute über Greta urteilen und Argumenten fern bleiben, wenn sie gefragt werden, warum sie sich des Klimawandels nicht annahmen? Sie hätten es nicht nur wissen können, sie hätten es wissen müssen. Es wussten sogar die Kinder darüber.

Wiederholen sie die Beteuerungen des Nichtwissens aus dem vergangenen Jahrhundert? Wir sollten gelernt haben. Haben es aber noch nicht in dem erforderlichen Maße. So wird es wohl ein neues Lernen mit der Peitsche geben müssen.

Gretas aussortieren

Ein Blick in die Zukunft, in der es mithilfe der Pränataldiagnostik keine Greta-Ärgernisse gibt. Gretas kann man als Embryonen aussortieren und konformistische Embryonen wählen, die sich in den Zug der Lemminge einreihen, die Wahlen einem Wahl-O-Maten überlassen und den Konsum ergo die Märkte nicht gefährden.

Die Welt wird einfach. Eine pflegeleichte, will heißen, manipulierbare menschliche Monokultur gewährleistet den Konsum und das Wachstum. Behinderungen gehören der Vergangenheit an. Eltern, die es wagen sollten, ein behindertes Kind in die Welt zu setzen, werden sozial ausgegrenzt und verachtet.

Die Nähe von Genie und Wahn ist kein alter Spruch. In einem Beitrag von Spektrum der Wissenschaft [2] heißt es: »Indizien deuten darauf hin, dass sich in einer Gruppe von Menschen mit überdurchschnittlich hoher Kreativität auch häufiger Personen finden lassen, die an Psychosen leiden.«

Eine schöne neue Zukunft

Durch das Aussortieren von Embryonen mit Störungen befreit sich die Menschheit von kreativen Menschen, von Künstlern und Problemlösern, von Eigenbrötlern, Philosophen und anderen problembehafteten Individuen, die provozieren, hinterfragen, beunruhigen.

Das ist gut so. Kreative Problemlöser oder Mahner sind nicht mehr erforderlich, da die menschliche Monokultur keine Probleme bereitet. Sollte es welche geben, werden sie verdrängt, verschwiegen, unterdrückt. Die Menschheit ist eine große Familie, in der Harmonie herrscht, da niemand es wagt, die Scheinharmonie zu stören. Der Traum mancher Politiker ist erfüllt: Alle Menschen sind gleich, die Welt ist glücklich. Glückliche Zeiten für die Machthaber.

Glückliche Zeiten nicht nur für die Machthaber. Glückliche Zeiten auch für die multiresistenten Keime oder ihre Kompagnons. Breiten sie sich in der menschlichen Monokultur aus, muss der Mensch die Biosphäre des Planeten Erde nicht retten, da er sich selbst ins Nirwana befördert. Dem sechsten Massenaussterben folgt ein Aufblühen der Erde mit einem neuen Versuch, der diesmal intelligentes Leben hervorbringt. Glückliche Zeiten für die Erde.

Noch gibt uns die Erde Zeit, mit uns glücklich zu werden und an einer tatsächlich schönen neuen Zeit zu arbeiten. Wie viel Zeit gibt sie uns, wie lange noch können Gretas ignoriert werden?

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Links zum Beitrag
[1] Worte hinterfragt: Behinderung, Logik, Sprache
[2] Gleiche Gene für Kreativität und Psychose-Neigung (spektrum.de)

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Jan Schneider, Autor