Das Gras ist verdorret – wie das Fleisch; nein, das ist nicht traurig

Das Gras ist verdorret

Die Zerbrechlichkeit der Gräser, ihre Ästhetik vor dem Hintergrund des Feldes und der vergänglichen Zartheit des bewölkten Himmels. Das faszinierte, das war der Impuls, zu meiner Kamera zu greifen. Zerbrechlich, vergänglich, verdorrt, bewölkt. Allesamt Worte, denen Trauer anhaftet, die in ihrer Gesamtheit jedoch eine edle Grafik ergeben. Eine Grafik fernab der Trauer, fernab einer Endgültigkeit, fernab des Todes.

Kommt der Tod in den Sinn, führt er zu dem deutschen Requiem von Johannes Brahms, in dem es heißt:

Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen. [1]

Eine Musik, die berührt, eindringt und durchdringt, aber nicht traurig stimmen muss. Ihre Ästhetik offenbart die edlen Seiten der Spezies Mensch. Wir sind zu unbegreiflichen Grausamkeiten fähig, gebärden uns suizidal. Unsere Musik, unsere Kunst lässt jedoch hoffen.

Ein Text, der von der Vergänglichkeit spricht, aber wer Ohren hat, der höre: Das Gras mag verdorrt sein und die Blume abgefallen, alles wächst und blüht in der nächsten Saison erneut. Ebenso das Fleisch, das da wie das Gras ist. Der Unterschied ist marginal nur:

Beim Gras ist das die nächste Saison, beim Fleisch das nächste Leben.

Nein, das ist nicht traurig.

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Links zum Beitrag
[1] Ein deutsches Requiem (Text)
     Eine Aufnahme auf YouTube; für Einsteiger oder Ungeduldige: ab etwa 2:20 anhören und sich bis 2:58 gedulden

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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