Gewaltenteilung der Natur

Gewaltenteilung der Natur

Harmlos

Harmlos fing der Tag an, harmlos, beschaulich, mit Vorfreude auf den Tag. Die frühe Sonne hob den Feldrand hervor, die Luft rein, die Menschenwelt noch leise.

Dann kam der nächste Morgen. Ich ging früher an diesem Feld vorbei – an dem geernteten Feld. Das Licht vom Vortag im Gedächtnis mit den dazugehörigen Assoziationen. Jetzt erneut Assoziationen. Aber andere.

Ein Henkersmahl schälte sich aus den Gedanken heraus. Das gestrige Licht war ein Henkersmahl für die Pflanzen dieses Feldes vor dem nächsten Schritt im Produktionsprozess des Menschen. Keine Natur mehr, keine Sonne, kein Wind, kein Regen. Nur noch Technik.

Henkersmahl

Henkersmahl? Pflanzen haben kein Bewusstsein, sagen Menschen, die solches wie Pflanzenneurobiologie bestenfalls für Humbug halten, die auch Tieren kein Bewusstsein zusprechen. Das verbietet sich, das wäre eine Ungeheuerlichkeit. Allen voran wäre das amoralisch, wenn Nutztiere ein Bewusstsein hätten. Nur Bewusstloses kann man gewissensfrei nutzen. Und so kann nicht sein, was nicht sein darf, wie es Christian Morgenstern seinen Palmström schlussfolgern ließ.

Henkersmahl. Bei diesem letzten Mahl haben die Verurteilten die Wahl der Mahlzeit. Natürlich streng reglementiert von den Zutaten her und vom Preis. Oder gar nicht, da sie solche Gnade nicht verdienen, wie es manche der US-Staaten handhaben. Das Feld hatte keine Wahl. Es muss sich jedoch nicht beklagen, bekam es doch außer der Natur genug Chemie für sein Wachstum. Wohl bekomms. Andererseits verschwindet diese Chemie nicht restlos. Wohl bekomms dem Letzten in dieser Verwertungskette, zu der auch Nahrung gehört.

Henkersmahl. Dazu muss es einen Verurteilten geben, einen Vollstrecker, natürlich auch jemanden, der das Urteil sprach, ebenso diejenigen, die solche Gesetze schufen. Die drei Säulen der Gewaltenteilung eben, die da aus der Legislative, der Exekutive und der Judikative bestehen. Sicherlich eine Errungenschaft des Menschen im Vergleich zum alttestamentarischen Auge um Auge oder den jüngeren Gottesurteilen.

Henkersmahl. Das ist auch ein Akt des Verzichts auf die Urfehde. Ein friedlicher Akt also und eine zivilisatorische Leistung. Wobei nicht nur erst hier, wohl früher schon, kommen Zweifel an einem solchen Prozedere auf.

Ein Henkersmahl ist das letzte Mahl vor dem Tod. Ist das moralisch korrekt? Was sagt die Ethik dazu?

Gewaltenteilung

Wem das zu weit von den Feldpflanzen entfernt ist, kann das Feld, das Henkersmahl und den Menschen auf eine andere Art in Verbindung bringen. Was ist der Mensch dabei? Der Erzeuger, der Nutzer, sicherlich.

Für das Feld ist der Mensch der Vollstrecker, die Exekutive der Gewaltenteilung also.

Die Legislative ist er ebenso, denn die Nutzpflanzen haben sich nach Gesetzen zu richten, die er erlässt.

Die gesamte Vorgehensweise impliziert weiterhin die Judikative, wenn sie auch nicht im Gerichtssaal stattfindet.

Das ist allerdings keine Gewaltenteilung.

Rache

Verzichten die Pflanzen tatsächlich auf die Urfehde, verzichten ihre Verbündeten darauf?

Nicht die fehlende Gewaltenteilung ist der Grund dieser Frage. Es ist die Einstellung des Menschen dem Leben gegenüber. Nicht nur dem anderen Leben, auch seinem Leben. Denn sogar die eigene Spezies versucht er in wertvoll und weniger wertvoll zu differenzieren.

Die Art, wie er aus den Gaben der Natur sein Convenience-Food kreiert, sind kurzsichtig betrachtet ein schnelles, bequemes, da fertiges Essen, welches ein weiteres Vorgehen gegen sich selbst darstellt. Wer das noch nicht glaubt, wird nicht erst Generationen von Zeit benötigen, um dies einzusehen.

Wer war dann schuld, an wem kann er Rache üben? An seinen Göttern? An die alten Götter glaubt er nicht mehr. Bei seinen neuen Göttern, beispielsweise seinen Technologien, unterliegt er immer noch dem Irrglauben, sie im Griff zu haben.

Wollte der Mensch Rache üben, müsste er sie wohl an sich selbst verüben.

Und doch keine Rache

Keine Rache wäre es jedoch, wenn die Natur für die Konsequenzen sorgt. Die Natur ist die Verbündete des Feldes. Mittel dazu hat sie mehrere, respektive Mittel dazu liefert ihr bereitwillig der Mensch. Denaturierte Ernährung, respektloser Umgang mit der Biosphäre, gewissenloser Umgang mit dem Leben, Outsourcing der Entscheidungen an smarte Technologien, um einige zu nennen.

Die Natur muss keine Rache üben; dafür sorgt der Mensch selbst. Er ist die Exekutive seines Tuns. Keine Rache ist dies, es ist lediglich die logische Folge seines Tuns.

»Liebe Natur, das habe ich nicht gewusst, das habe ich nicht bedacht.«

»Ich dachte, du nennst dich Homo sapiens sapiens.«

Jan Schneider, Autor

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