Fliegen, Bienen und Außerirdische - Die Seele und die Tiere mit einer unbequemen Frage

Spiritualität

Teil 6 der Reihe »Denn jedem Lebewesen wohnt eine Seele inne«

Eine unbequeme Frage: Fliegen retten?

Eine Biene unversehrt ins Freie zu entlassen, die sich im Zimmer verirrt hat, das verstanden unsere Gastgeber. Das Gespräch drehte sich um den Abschluss des letzten Artikels über die Seele in allen Lebewesen und das Vorleben der Beispiele. Die Spinne wurde ebenfalls ins Freie befördert. „Zwangsweise. Die haben bei mir nichts verloren!“, betonte die Dame des Hauses, der interessanterweise diese Beförderung oblag, da ihr Partner damit ein Problem hatte. „Aber für Fledermäuse bin ich zuständig!“, warf er daraufhin ein.

Noch bevor wir wohl therapeutisch-analytisch über seine Anmerkung nachdenken konnten, und das wollten wir, denn unsere kurzen Blicke waren uns wohl vertraut, fuhr der Herr des Hauses fort. Seine Frage: „Aber wenn das nur eine Fliege ist: Willst du die auch retten?!“, traf ins Schwarze. Er wusste von meiner Vergangenheit als Ministrant und davon, dass ich damals noch ein anderes Verhältnis zu Fliegen und Spinnen in der Sakristei hatte. Unser Gesprächspartner blickte mich an, als könnte er in meinen Kopf hineinsehen und den Twister an Gedanken wahrnehmen.

Da ich diese Frage weder unbeantwortet stehen lassen wollte und mir eine politische Antwort mit viel Worten und wenig Inhalt ebenfalls nicht gefiel, dauerte es ein paar Sekunden, bevor ich aus dem Twister eine solide Antwort formulieren konnte. Da unterbrach mich die nächste Frage: „Das wird jetzt etwas länger dauern?“ „Ja“, begann ich, machte eine kurze Pause und setzte fort: „Aber ich kann darüber …“. Die dritte Unterbrechung offenbarte, dass wir denselben Gedanken hatten. „… darüber schreiben“, beendete mein Gegenüber diesen Satz. „Tust du es? Mir wäre es lieber, dann kann ich das meiner Tochter zeigen.“ „Ok, ich mache es. Und zwar gleich kommende Woche.“

War es der bereits fortgeschrittenen Stunde geschuldet, dass ich diesem ungeplanten Beitrag zustimmte? Denn dafür werde ich nicht viel Zeit haben. Es war bereits Wochenende und der nächste Mittwoch somit nicht so weit. Nun also der spontane und ungeplante Beitrag, für den eine Fliege Pate steht.

Die Glöckchen der Buddhisten

Wäre es ebenfalls eine Antwort der politischen Art, auf die Buddhisten hinzuweisen, die Glöckchen um ihre Füße binden, damit die kleinen Tiere am Boden nicht versehentlich zertreten werden? Denn es geht nicht so sehr darum, ob dies nachvollziehbar ist oder nicht, sondern vielmehr darum, dass dies in unserem Alltagsleben weniger praktikabel ist. Ganz abgesehen davon, dass wir in einer Umwelt leben, in der dieser Kontakt zwischen unseren Füßen und den kleinen Tieren sehr selten geworden ist.

Wer sich in der spirituellen Welt bewegt, weiß um die Macht der Gedanken. Allein schon die Beschäftigung mit der Frage muss demnach Realitäten schaffen. Sicher auf eine Art und Weise, die ein rein logisch oder materialistisch denkender Mensch nicht nachvollziehen kann, denn Gedanken setzen Prozesse in Gang, die erst über Zwischenschritte und mit etwas Zeit ihre Früchte tragen. Aber sie tun es.

Wie könnten daher die Glöckchen der Buddhisten in unseren europäischen Alltag übertragen werden?

Die Biene und die Fliege

Erfreulicherweise hätten viele Menschen ein Problem damit, eine verirrte Biene im Zimmer zu töten. Nicht jeder Mensch ist zwar in der Lage, die Biene einzufangen und ins Freie zu entlassen. Aber auch diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer, und es gibt sehr nachvollziehbare Gründe dabei, es nicht selbst tun können, holen Hilfe herbei oder öffnen zumindest das Fenster, damit die Biene selbst das Weite suchen kann.

Dieses Verhalten zeugt von einer Wertschätzung des Lebens, mag es noch so klein im Vergleich zu einem Menschen sein. Hier hat die Seele eine Entwicklungsstufe erreicht, die in anderen Lebewesen das Mitgeschöpf erkennt. Eine Stufe ist immer nur eine Stufe, der eine weitere folgt, denn das Ende des spirituellen Weges des Menschen liegt in einer weiten Ferne, zu der noch sehr viele Stufen führen.

Es ist sehr schwer vorstellbar, eher ausgeschlossen, dass ein Mensch, der diese Biene nicht töten kann, die Augen vor dem Leid der Tiere verschließen kann, die in der Massenfleischproduktion unserer Zeit ihr kurzes und grauenvolles Dasein fristen. Dieser Mensch wird sich nicht immer vegetarisch oder vegan ernähren, aber er wird bewusst darauf achten, woher das Fleisch stammt, welches er zu essen gedenkt. Diese bewusste Beachtung der Herkunft ist ebenfalls eine Stufe. Die nächste Stufe müsste die vegetarische Ernährung sein. Doch das ist ein anderes Thema; kehren wir daher zu den Bienen und Fliegen zurück.

Ich gebe zu, dass es mir selbst nicht leicht fiel, nicht nur Bienen, sondern auch die Fliegen zu retten, wie es mein Gesprächspartner vom Wochenende fragte. Es war der Verstand, der mir einflüsterte, dass dies doch wohl vollkommen überzogen und ein Blödsinn sei. Aber es war mein Verstand!

Unmerklich oder unbewusst arbeitete jedoch die Seele und schwächte nach und nach die Hand, die eine Fliege erschlagen wollte. Der Verstand wollte nicht sofort klein beigeben, er argumentierte, dass die Fliegen zu schnell für die Rettung nach der Bienenart seien, also mit dem Glas und einem Blatt Papier. Und außerdem seien sie sowieso unnütz.

Doch das letzte Argument des Verstandes erwies sich für ihn als ein Bumerang. Denn als die Frage danach auftauchte, wo denn diese Grenze zu ziehen sei zwischen einem Wesen mit Nutzen und einem unnützen, da wollte Mister Besserwisser nach politischen Antworten suchen.

Und vollends kapitulieren musste er, als er mit einem Perspektivenwechsel konfrontiert wurde, bei dem er schnell merkte, dass es auch an seinen, ach! so klugen, logischen und alles erklärenden Kragen geht.

Die Biene, die Fliege und die Außerirdischen

Menschliche Perspektive

Dieser Perspektivenwechsel ist leicht vollzogen. Stellen wir uns ein Plätzchen in der Natur vor, an dem es uns gefällt. Wir wollen ein Picknick abhalten oder ein Zelt aufschlagen. Oder auch ein Haus bauen.

In der Natur herrscht auf dem Boden ein reges Treiben vieler Lebewesen, auch der kleinen und winzigen. Nicht alle Menschen machen sich Gedanken über diese Klein- und Kleinstlebewesen, nicht alle achten darauf, dass sie nicht getötet werden.

Dieses Getier kann doch nicht mit einem Menschen verglichen werden – keine Intelligenz, manchmal ekelhaft, schädlich, Ungeziefer sogar. Das sind aber lediglich menschliche Kriterien. Es gehört schon eine große Portion Herzensblindheit dazu, um in dem Menschen die Krone der Schöpfung zu sehen. Wie behandelt er seinen Heimatplaneten, wie ist sein Verhältnis zu den Mitgeschöpfen?

Perspektivenwechsel

Nun der Perspektivenwechsel: eine außerirdische Lebensform, technisch wesentlich fortgeschrittener als der Mensch, Millionen von Jahren älter als wir. Diese Lebensform findet ein Plätzchen, an dem es ihr gefällt. Vielleicht liefert ihr dieses Plätzchen bestimmte Rohstoffe, die sie für ihre Technologie benötigt.

Auf diesem Plätzchen, einem Planeten, dem dritten von seinem Zentralgestirn aus betrachtet, gibt es diesen Rohstoff. Es gibt dort zwar diverse Bioformen, doch so primitive, dass sie nicht weiter beachtet werden müssen. Eine Form ist sogar der Sprache fähig, sie nennt ihren Planeten Erde und ihr Zentralgestirn Sonne. Dennoch ist diese Spezies Fliegen oder Regenwürmern vergleichbar, in unsere Sprache übersetzt.

Die Außerirdischen entnehmen die benötigten Rohstoffe. Die ein paar Millionen oder Milliarden Exemplare der primitiven Lebensformen fallen nicht ins Gewicht. Außerdem ist diese Spezies ein Ungeziefer, da sie ihren Lebensraum zerstört und andere Spezies tötet. Sie schreckt nicht einmal vor Kannibalismus zurück, den sie »Kriege« nennt. Was interessiert eine interstellare Zivilisation das Gewimmel einiger primitiver, brutaler, kannibalischer Kriechtierchen?

Ein drastischer Perspektivenwechsel? Mag sein; realistisch ist er dennoch. Was interessiert uns das Leben einiger Ameisen, Regenwürmer, Mäuse oder gar Bakterien, wenn wir Rohstoffe abbauen wollen?

Wie sehen wir also die Spezies Mensch, wenn wir sie aus der Perspektive eines Außerirdischen als ein Ganzes betrachten?

Was nun mit der Fliege?

Meine Antwort lautet somit, auch wenn sie erst über Stufen erreicht wurde, „Ja.“ Ja, ich versuche auch die Fliege nicht zu töten, sondern sie aus dem Zimmer zu vertreiben. Hier lasse ich mein Ego walten uns sage „Meins! Deins ist da draußen, also mach 'ne Fliege!“

Ich weiß, dass es viele Menschen mit ähnlicher Einstellung gibt. Auch sie haben sich diese Einstellung erarbeitet und betrachten sie heute als selbstverständlich. Nicht alle sind Vegetarier, aber es werden immer mehr; der Trend ist eindeutig.

Am besten sorge ich wohl dafür, dass die Fliegen erst gar nicht in die Wohnung hinein können. Und ganz sicher interessant ist es, sich selbst zu beobachten, wie sich dieses Verhältnis zu der kleinen und großen Tierwelt weiterentwickelt.

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Jan Schneider, Autor

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