Das Tier: Es ist nur ein Stück Fleisch; Reihe »Lebewesen, Fleischkonsum, Seele« (Teil 4)

Fleisch

Teil 4 der Reihe »Lebewesen, Fleischkonsum, Seele«
Die Evolution des Menschen und seiner Ernährung mitsamt der Ethik bis in eine ferne Zukunft hinein

»Ein jegliches hat seine Zeit« heißt es im Alten Testament [1]. Doch nicht Banalitäten wie die Tageszeit oder Fastenzeiten ohne Fleischkonsum sollen hier betrachtet werden. Das Thema ist der Fleischkonsum in der Evolution des Menschen. In der bisherigen Evolution und in der Zukunft, sofern sich der Mensch diese Zukunft genehmigt.

Kein Stück Lebensqualität

Es ist nachvollziehbar, warum Ernährungsalternativen zum Fleisch wachsende Beachtung in den Medien finden. Die Reduzierung des Fleischkonsums könnte – eher wird – demnächst schon erforderlich werden. Das werden auch die vehementen und eingefleischten Klimawandelleugner einsehen müssen.

Einerseits die verheerende Energiebilanz, der Verbrauch an Wasser und anderen Ressourcen der Fleischerzeugung. Die Angaben dazu schwanken, widersprechen sich jedoch nicht grundsätzlich. Die Erzeugung eines Kilogramms Rindfleisches verbraucht im weltweiten Schnitt gut 15.000 Liter Wasser und 3,9 bis 9,4 kg Getreide. Dieses Kilogramm Fleisch erzeugt 15 kg CO2 oder das 10-fache, wenn es über die Kontinente transportiert wird.

Hinzukommen die Begleitumstände, man kann sie Kollateralschäden nennen, wie die gerodeten Wälder oder die Antibiotika mit ihren Multiresistenzen bei den Menschen. Gerade die Multiresistenzen entwickeln sich zu einer Gefahr nicht nur für die Kranken, also immungeschwächten Menschen. Dadurch sind alle Menschen gefährdet, nicht nur diejenigen, die auf Antibiotika nur als Ultima Ratio zurückgreifen oder Vegetarier und Veganer. Die Multiresistenz ist in den Erregern verankert; diese machen keine Unterschiede zwischen Fleischessern, Vegetariern oder Veganern.

Das fleischige Stück Lebensqualität wandelt sich zum Ressourcenräuber und Klimawandler. Es mutiert von einem Evolutionsbeschleuniger des Homo sapiens (darauf gehe ich später ein) zu einer Gesundheitsgefahr oder gar zu einer Existenzbedrohung.

Ethik und verräterische Worte – Fleischerzeugung

Fleischerzeugung. Da wird etwas erzeugt, produziert, angefertigt, hergestellt, fabriziert. Neutrale, technische Begriffe. Diese Begriffe und ihre Synonyme sind und bleiben Euphemismen. Euphemismen, die einen obligatorischen Akt verdrängen: das Töten von Lebewesen.

»Fleisch« sorgt für eine Distanz des Konsumenten zu dem Lebewesen und seiner Tötung. Ein »Stück Fleisch« entkoppelt zusätzlich von dem getöteten Lebewesen, »Erzeugung« verdrängt das Leben und den Tod vollends.

Fleisch und Erzeugung. Worte, die eine bequeme Distanz zum Tier oder dem Lebewesen und zum Töten bilden. Wenn es Tier heißen muss, dann bitte ein Nutztier. Und nutzt es nichts, schreddern wir es.

Es ist nur ein Stück Fleisch

Eine Auswahl der Veröffentlichungen jüngeren Datums bezüglich der kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der Tiere:

Singende Mäuse unterhalten sich wie Menschen in einem Wechsel von Rede und Gegenrede [2], Orang-Utans setzen nicht nur Werkzeuge ein, sie hinterfragten »ob ein bestimmtes Werkzeug in der jeweiligen Situation überhaupt funktionieren kann oder nicht.« [3], Putzerfische erkennen sich im Spiegel [4], Schimpansen sind Schnell-Lerner [5], Bienen sind Rechenkünstler [6], »Elefanten unterscheiden zwischen Gut und Böse, und sie verfügen möglicherweise über eine komplexe Sprache« [7], Schimpansen wird eine echte Kultur zugestanden [8], Ameisen leisten Erste Hilfe [9], Katzen sind der Mengenunterscheidung fähig und haben ein soziales Bewusstsein [10], Hunde können die Perspektive von Menschen einnehmen [11].

Vor Jahrzehnten noch sollten Fische stumm sein; stumm wie ein Fisch eben. Dabei erzeugen sie ausgesprochen variationsreiche Töne und setzen elektrische Signale für die Kommunikation ein. Wesentlicher jedoch: Fische spüren Schmerz. Sogar diese vermeintlich stummen Fische ohne Neocortex, dem stammesgeschichtlichen jüngsten Teil der Großhirnrinde. Schmerzempfinden setzt aber ein Bewusstsein voraus [12].

Im Lebensraum der Fische ist es nur ein Katzensprung, Pardon, ein Wasserrückstoß oder ein Flossenschlag zu den Oktopussen oder Walen und Delfinen.

Da wird gefragt, »ob sich im unförmigen Eierkopf des Oktopus so etwas wie Bewusstsein regt« [13] oder von »von einer niederen Form von Intelligenz« gesprochen [14]. Tintenfische »können Schmerzen und Stress auch antizipieren – und sich im Anschluss auch daran erinnern«. Dennoch gibt es Restaurants in Asien, die lebendige Tintenfische auf dem Speiseplan stehen haben [15].

Delfine haben soziale Großhirne wie der Mensch. Es zeichnet sich ab: »Je komplexer das Sozialverhalten einer Art ist, desto mehr hat sie auch im Köpfchen.« [16]. Blauwale wissen, wo und wann es Futter gibt, was ihnen leider in unserer Zeit des Klimawandels zunehmend Probleme bereitet [17]. Befreundete Delfine erkennen sich beim Namen [18]. Die Kommunikation der Wale und Delfine können nur noch Hardcore-Wissenschaftsgläubige leugnen. Zu der Wal- und Delfinkommunikation führe ich keine Quellen an, die Liste wäre zu lang.

All das können wir getrost verdrängen und die Überlegenheit unserer Spezies, der Krone der Schöpfung, mit einem Stück Lebensqualität sowie einem guten Tröpfchen (*) besiegeln. Wenigstens stehen keine Delfine auf der Speisekarte; diese werden nur zu wissenschaftlichen Zwecken gejagt. Aber das war die alte Zeit ohne Ehrlichkeit; heute sind wir ehrlicher geworden, heute jagt sie Japan offiziell zu kommerziellen Zwecken [19], ergo auch für ein fleischiges Stück Lebensqualität. Das hören die betreffenden Produzenten und Konsumenten nicht so gern; sie fühlen sich diskriminiert, es sei ja Tradition [20].

Außerdem ist das nur ein Stück Fleisch.

 
Woher kommt diese Einstellung einem Lebewesen, einem Mitgeschöpf gegenüber? Wie gelingt es, das Leben hinter dem Stück Fleisch zu verdrängen?
Antworten dazu im 5. Teil dieser Reihe.

(*) Apropos Tröpfchen. Das liefern die Pflanzen. Darauf gehe ich erst später ein.

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Links/Infos zum Beitrag
[1] Buch der Prediger 3,1
[2] Singende Mäuse unterhalten sich wie wir
[3] Orang-Utans: Durchdachter Werkzeugeinsatz
[4] Erkennen sich Fische im Spiegel?
[5] Schimpansen sind Schnell-Lerner
[6] Bienen als Rechenkünstler
[7] Elefanten sind auf Augenhöhe mit dem Menschen
[8] Schimpansen haben doch echte Kulturen
[9] Ameisen leisten Erste Hilfe
[10] Wie Katzen uns und die Welt sehen
[11] Hunde können Perspektive von Menschen einnehmen
[12] Fische spüren Schmerz – auch ohne Neocortex
[13] Was hinter der Intelligenz der Tintenfische steckt
[14] Superhirne auf acht Beinen
[15] Was fühlt ein Tintenfisch, wenn er lebendig gegessen wird?
[16] Delfin und Co: soziale Großhirne wie wir
[17] Blauwale wissen, wo’s was gibt
[18] Delfine: Freunde kennen sich beim Namen
[19] Japan verlässt die Internationale Walfangkommission – und es gibt nur Verlierer
[20] »Das ist unsere Tradition« Japan weist Kritik an Delfinjagd zurück

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Jan Schneider, Autor

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