Frei entscheiden, tun was man will
(Einleitung zu »Entscheidungsfreiheit«)

Seelengeflüster und Gedanken zur Zeit

»Ich tue, was ich will; es ist ja mein Leben.« Die Seele meinte, es sei auch ihr Leben und notierte: »Zur Wiedervorlage im nächsten Leben«.
»Ich tue, was ich will, und trage die Verantwortung dafür.« Und die Seele freute sich über das gelungene Lernen.
Jan Schneider, »101 Erleuchtungs-Minütchen«

Tun, was ich tun will, oder tun, was ich tun muss?

Das tun, was ich tun will.

Das ist kein Egoismus, das ist gut und richtig, das entspricht den Plänen und Wünschen der Seele. Die Voraussetzung dafür: die Übernahme der Verantwortung für sein Tun. Und für sein Nichttun.

Das tun, was ich tun muss.

Wer entscheidet darüber, was getan werden muss? Wer hat solche Macht, dass er mein Tun bestimmt und letzten Endes mein Leben bestimmt?

Entscheidet ein Gott darüber?

Würde ein Gott entscheiden, nimmt er dem Menschen die Entscheidungsfreiheit. Ohne Entscheidungsfreiheit ist aber kein Lernen möglich, der Mensch wäre eine Marionette.

Entscheidet ein anderer Mensch darüber?

Kann ein Mensch einem anderen Menschen die Entscheidungsfreiheit nehmen? So naheliegend die Antwort »Ja« scheint – beispielsweise in der Sklaverei –, so falsch ist sie in ihrer Pauschalität.

Frauen und Entscheidungsfreiheit

Sklaverei definiert der Duden als eine »völlige wirtschaftliche und rechtliche Abhängigkeit«. Sklaven hatten also keine Entscheidungsfreiheit, und wer frei nachdenkt, findet viele religiöse oder politische Institutionen, die dem Menschen seine Entscheidungsfreiheit nehmen.

Sklaverei, das sind doch längst vergangene Zeiten, das sind dunkle Zeiten, die in Europa längst überwunden sind. Wirklich?

  • Erst seit 1957 gibt es das »Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau« im Bürgerlichen Gesetzbuch.
  • Das »Letztentscheidungsrecht« des Ehemanns in allen Eheangelegenheiten wurde 1958 gestrichen. Bis dahin konnte der Ehemann die Erwerbstätigkeit seiner Frau verbieten, ihren Arbeitsvertrag kündigen, den Führerschein erlauben oder verbieten, über die Kinder entscheiden etc.
  • Doch erst seit 1977 darf die Ehefrau ohne Einverständnis des Mannes erwerbstätig sein.
  • Seit 1976 dürfen Frauen bei der Heirat ihren Namen behalten.
  • Die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz existiert rechtlich seit 1980.
  • Erst seit 1997 sind Vergewaltigungen in der Ehe strafbar.

Diese Zustände gab es zu Zeiten, die vielen Lesern dieses Beitrags bekannt sind. Nicht im dunklen Mittelalter, nicht in anderen Religionen. Es sind unsere Zeiten, unsere Länder, unsere Religion, wenn sich das »uns« auf das moderne Europa bezieht.

War das Freiheit oder war das Sklaverei?

Religiöse Institutionen und Entscheidungsfreiheit

Diese Zustände haben ihre Wurzeln, und diese wurden von religiösen Institutionen gesetzt, gehegt, gepflegt, verteidigt. »Religiöse Institutionen«, nicht »Religionen«, damit der essenzielle Unterschied zwischen einem persönlichen Glauben und einer religiösen Institution bewusst wird.

Diesem Thema widme ich mich ausführlich in einer Fortsetzung dieses Seelengeflüsters, in der ich auf eine gut verdrängte Gemeinsamkeit zwischen den Kopfbedeckungen der Frauen im Islam und im Christentum verweise.

Also keine Entscheidungsfreiheit?

Sklaven oder Frauen vor den Anfängen der rechtlichen Gleichstellung: Hatten sie eine Entscheidungsfreiheit? Auch hier gibt es nicht nur eine Antwort oder eine Wahrheit, auch das aber erst in der Fortsetzung.

Wer jedoch unstrittig die Entscheidungsfreiheit hatte, waren die Sklavenhalter, es waren auch die Ehemänner.

Entschieden die Ehemänner zugunsten der Frau und der Beziehung oder war nur die eigene Macht ausschlaggebend? War es bequem, waren es Ängste, die Macht für sich zu behalten und sie den Ehefrauen zu verwehren?

Oder wollen die Ehemänner auf ihre eigenen Entscheidungszwänge verweisen, da sie gesetzeskonform handeln mussten, da die Kirche oder die gesellschaftliche Ordnung ihre Entscheidungen bestimmt?

Tun, was ich will und Verantwortung, die keine ist

Tun, was ich tun will, sei gut und richtig nicht egoistisch, hieß es eingangs. Doch ist das nur dann gegeben, wenn der Mensch die Verantwortung übernimmt für all sein Tun und all sein Nichttun, wo ein Tun erforderlich wäre. Diese Verantwortung muss auch die Konsequenzen des Tuns und Nichttuns umfassen.

Es gibt allerdings Menschen, die um die Konsequenzen wissen, denen die Folgen ihres Tuns bewusst sind, die stolz auf ihre Taten sind. Eines fehlt ihnen aber – die Empathie, das Hineinversetzen in die Menschen, die von ihren Taten betroffen sind. Beispiele dafür liefert die Gegenwart genug, man betrachte nur die Mächtigen der Politik. Und nicht nur ein Trump oder ein Erdogan ist damit gemeint, sondern auch die kleineren Figuren, die ihre Macht für eigene Interessen missbrauchen.

Diese Menschen glauben, sich der wahren Verantwortung zu entziehen oder außerhalb der Verantwortung zu stehen, außerhalb der Gerichtsbarkeit, ob der irdischen oder der spirituellen. Schließlich verfolgen sie große Ziele für ein Volk, eine Nation, eine Religion. So schön verkaufen sie ihren Machiavellismus, so schön täuschen sie die Menschen.

Diese Täuschungen werden ihnen bewusst; manchen früher, manchen später aber allen unausweichlich. Für die Hartnäckigsten unter ihnen wird das ein unangenehmer, ein schrecklicher Moment sein. Ein schrecklicher Moment noch zu Lebzeiten, ein schrecklicher in dem Zwischenleben, in dem die Seele allein das Resümee zieht.

Der kann doch nichts dafür

Eine Sichtweise ist, die Machthaber würden die Menschen täuschen. Eine andere ist, dass sich die Menschen täuschen lassen. Sie sind einerseits passive, andererseits aktive Akteure dieser Beziehungen.

Es ist schwierig für die Beteiligten, sich dessen bewusst zu werden. Das ähnelt der Schwierigkeit, die eigene Co-Abhängigkeit in den Beziehungen mit Süchtigen zu erkennen. Sucht, das ist nicht nur Alkohol und andere Drogen. Süchte gibt es viele, ob Einkaufen um des Einkaufs willen oder Arbeitssucht, wie es das Wort Workaholic verdeutlicht. Und es gibt machthungrige Menschen, die unter einer Machtsucht leiden.

Ruft es einen Widerspruch hervor, die Machthungrigen würden unter ihrer Sucht leiden? Das würde sie zu Opfern machen, zu passiven Akteuren. Ein flüchtiger Blick auf diese Menschen lässt diese Interpretation nicht zu. Aber eben nur ein flüchtiger Blick und ein Blick, bei dem die Seele nicht beachtet wird – die eigene nicht und auch nicht die des anderen. Wer es mag, kann die Seele durch die Psyche ersetzen.

Aber nun weg von Seele und von Psyche und zurück zu den Kernfragen nach der Verantwortung. Den Machiavellis wird ihre Verantwortung bewusst, hielten wir schon fest.

Und die Betroffenen? Sind Wähler verantwortlich dafür, dass sie durch Politiker getäuscht wurden? Sind Partner verantwortlich, dass der andere ein Süchtiger ist? Sind Völker verantwortlich, dass sie von Usurpatoren, von Kriegstreibern, von Machthungrigen regiert werden?

Opfer und Täter sind nicht immer klar definierbar. Ein Opfer kann gleichzeitig ein Täter sein, ein Täter ebenso ein Opfer. Wird bei der Betrachtung der Opfer-Täter-Beziehung die Seele hinzugezogen, erkennt sie in jedem Beteiligten den Täter und das Opfer zugleich.

Die Seele weiß um die Eigenverantwortung eines jeden Menschen. Des Opfers und des Täters, des Herrschers und des Beherrschten, des Täuschenden und des Getäuschten.

»Der kann doch nichts dafür« ist ein Satz, dem der Verstand voller Überzeugung zustimmt. Die Seele betrachtet das nicht mit den Augen, sondern eher mit dem Herzen ihres Menschen; sie geht mit dem Verstand nicht d'accord.

Geschieht ihm recht

Welches Leben suchen die Seelen für das ausstehende Lernen der Verantwortung aus? Wird das ein Leben ohne Macht sein, in dem, was heute Prekariat genannt wird? Werden sie Missbrauch erleiden, werden sie ausgestoßen, werden sie im Krieg die Opfer sein, werden sie flüchten müssen?

In meinen jungen Jahren stellte ich mir vor, Franz Josef Strauß würde als ein hungerndes Kind in Afrika wiedergeboren, damit er dieses Elend selbst erfahren und daraus lernen kann. Als er starb, war ich mir nicht mehr so sicher, ich ahnte, dass dies einzig und allein die Seele entscheidet, die einst als Strauß durch das Leben ging.

Meiner Seele sei dank, habe ich heute keine solchen Wünsche, nicht einmal Vorstellungen darüber. Ich vertraue den Seelen, dass sie die richtige Entscheidung treffen. Richtig kann ein weiteres Leben mit Macht sein. Es ist dann eine Versuchung zum Missbrauch der Macht. Diese Versuchung ist aber verbunden mit der Prüfung, ob das Seele-Mensch-Gespann dieser Versuchung widersteht.

Der Mensch handelt nicht logisch, die Seele trifft ihre eigenen Entscheidungen. Das lernen auch Menschen, die ihrem Verstand die Betrachtungen über Verantwortung überlassen. Jeder Mensch lernt mal, dass Bewerten und Urteilen eine zweischneidige Geschichte ist, dass dabei schnell der Balken im eigenen Auge übersehen, obwohl der Splitter in einem fremden Auge wahrgenommen wird. Manchmal auch Splitter, die gar nicht vorhanden sind, die nur in der Wahrnehmung des Betrachters existieren.

Und Strauß heute? Ich kann ihn nicht mit den namentlich erwähnten und vergleichbaren Machthabern vergleichen; diesen Vergleich finde ich ungerechtfertigt. Ich will ihn auch nicht mit den vielen konturlosen und bar jeder Eigenmeinung Menschen vergleichen, die glauben, Machthaber zu sein.

Richten und Richter und Entscheidungsfreiheit

Es ist gefährlich, es ist anmaßend, über andere zu urteilen. »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet«, heißt es bei Matthäus (Mt 7.1).

Der Richter ist kein Gott. Welcher Gott denn auch, welche Religion kennt den einzig wahren Gott? Gott ist Transzendenz. Transzendenz erschließt sich keiner Institution, keiner Macht, keinem anderen System aus Menschenhand.

Der Richter ist die eigene Seele, die keine Verdrängungen, Ausreden, keine Abwehr und keine Sachzwänge gelten lässt, um sich vor der Eigenverantwortung freizusprechen. Die Seele hat die Verbindung zu der Transzendenz, zu dem Göttlichen.

Die Seele weiß auch, dass sie in dem Leben als Seele-Mensch-Gespann jederzeit die Entscheidungsfreiheit hatte. Jederzeit.

Fortsetzung folgt.

Geplant sind u. a. folgende Themen:

  • Gemeinsamkeiten zwischen den Kopfbedeckungen der Frauen im Islam und im Christentum
  • Islam und Deutschland - Religionen und Institutionen
  • Es gibt immer eine Entscheidungsfreiheit
  • Opfer und Täter zugleich, ihre Verantwortungen
  • Gerechte Strafen oder »Geschieht ihm recht«
  • Opfer oder »Der kann doch nichts dafür«
  • Die Freiheit und die Kraft des Tuns, was ich tun will

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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Jan Schneider, Autor

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