Besserwisserin

Mit Besserwissern & Co. souverän umgehen; Teil 05

Besserwisser 05

Besserwisserin

Petra (Name geändert) ist eine Akademikerin und mit der Leitung einer Abteilung betraut. Eine langjährige Partnerschaft, beruflich erfolgreich, nicht dumm, führungsstark; so beschreibt sie sich selbst. Dennoch ist sie beruflich und privat unglücklich. Der Hauptgrund sei, dass die Männer ihres Umfelds ihr gegenüber reserviert bis feindselig eingestellt seien. Sie würden sie und ihre Qualitäten fortwährend hinterfragen, nicht selten gegen sie intrigieren.

Einen Grund dieser Reserviertheit vermutet sie in ihrem Fachwissen, in dem sie vielen der überwiegend männlichen Kollegen überlegen sei. Privat kenne sie ebenfalls nur wenigen Männer, mit denen sie sich unterhalten könne. In ihrer Jugend vermutete sie außerdem ihrer Attraktivität wegen einen Neid der anderen dahinter.

»Nicht dumm«

Petra drückt sich ausgewählt aus, benutzt Begriffe des gehobenen Wortschatzes. Vor diesem Hintergrund fällt ihr »nicht dumm« auf. Daraufhin angesprochen, reagierte sie gereizt und korrigierte dies auf »intelligent«.

Die Bitte um eine Charakterisierung ihrer Intelligenz quittiert sie zunächst mit der Abnahme ihrer Brille, einem Schluck Wasser und einer bequemen Sitzhaltung. Die Stirn entspannt, die Augen lebhaft, der Körper nicht mehr in die Lehne gedrückt, sondern nach vorne gebeugt. Sie verringert ihre Distanz.

Und dann legt sie los. Auch jetzt drückt sie sich ausgewählt aus, sie wirkt authentisch. Eines bereitet allerdings Probleme. Verständnisfragen führen zu schmalen Augen und Lippen, die Hände umfassen die Stuhllehne, die Fingerknöchel weiß. Im späteren Verlauf daraufhin angesprochen, meint sie, sie lasse sich ungern unterbrechen. Versöhnlich stimmt sie der Hinweis darauf, dass es sich um Verständnisfragen meiner Unsicherheit wegen handele.

Die anfängliche Distanz ist dahin. Nun die erste entscheidende Frage: »Hat dich schon mal jemand Besserwisser genannt?«
»Mal?! Wieder und wieder muss ich mir das anhören, auch wenn ich nur etwas erklären will.«

Der Weg zu einer Besserwisserin

Es ist ein Leichtes, in Petra eine Besserwisserin zu sehen. Das kann sie freimütig akzeptieren. Auf dieser Basis gelingt die Suche nach den Hintergründen ihrer vermutlichen Besserwisserei in einem recht kurzen und entspannten bis angenehmen Gespräch.

Das Gespräch beginnt mit Fragen über ihre Kindheit, die Mama und den Papa. Diese Begriffe fallen im Gespräch nicht, sie spricht von der Mutter und dem Vater. Warum? »Mama und Papa, das kommt mir unpassend vor. Nein, das ist mir zu viel Nähe.« Ein Blick durchs Fenster, die Gesichtsmuskulatur zuckt. »Nein, das verdienen sie nicht.«

Petra erinnert sich, von der Mutter »Du bist ein Mädchen« gehört zu haben. Sie sah darin eine Missbilligung ihrer Studienwünsche. Petras Probleme mit ihren Lehrern und manchen Fächern quittierte die Mutter mit Hinweisen auf andere Wege außerhalb der akademischen Laufbahn. »Damit brachte sie mich zur Weißglut.« Ihr Vater zeigte ihrem Empfinden nach kein Verständnis für Lernprobleme. »Du bist intelligent, nutze deine Fähigkeiten, das Wehklagen hilft dir nicht.«

»Aber ich wollte meinem Vater gefallen.«

Hinter der Besserwisserin

Petras Eltern gaben ihr kein Selbstwertgefühl. Da sie sich jedoch beweisen wollte, hatte sie überwiegend Einsernoten. Bis auf die Fächer, in denen sie die Lehrer pädagogisch oder fachlich für unqualifiziert betrachtete. »Das Abi war aber perfekt, das zählte.«

Im Studium gab es keine Probleme mehr, die Promotion war »natürlich« mit summa cum laude. »Und dann wieder die alten Probleme.«

Petra hatte Selbstwertprobleme. Sie kompensierte sie mit ihrem Wissen, ihrer Eloquenz, ihrer schnellen Auffassungsgabe und ihrem hohen IQ (»natürlich nachgewiesen«). Im weiteren Verlauf erschien ihr nachvollziehbar, dass sie in ihren männlichen Kollegen stellvertretend ihren Vater sah, dem sie etwas beweisen müsse. Und Frauen repräsentierte die Mutter, die sie nicht ernst nahm und zu einer »nur Frau« degradierte.

Petra ist eine intelligente Frau. Diese Zusammenhänge zu erkennen, konnte sie zu einigen Experimenten im Umgang mit ihrer Umwelt bewegen. Insbesondere die Hypothesen, manche Menschen hätten vor ihr Angst, fühlten sich ihr unterlegen, erwiesen sich hilfreich.

»Das will ich ihnen nicht zumuten. Ich weiß, wie belastend es ist, damit leben zu müssen.«

Der Duden

Spaßeshalber fragte ich meine Duden-Software (Offlineversion) nach Synonymen für »Besserwisser«. Sie lieferte ganze 25 Synonyme. Unter den Synonymen findet sich auch »Person«. Frage ich hingegen nach den Synonymen für »Besserwisserin« erhalte ich ein einziges Ergebnis: »Frau«.

Was will mir diese evidente Diskrepanz der Synonyme für die männliche und weibliche Form eines Nomens sagen? Wie lässt sich das interpretieren?

Dabei kämpft sich der Duden aktuell zum Vorreiter im Gendern mit seinem Gendersternchen in der neuesten Ausgabe vor. Zu seiner Verteidigung muss ich anführen, dass die Online-Version bei den Synonymen von »Synonyme zu Besserwisserin und Besserwisser« spricht. Eine Frau findet sich unter den Synonymen nicht mehr.

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Teil 01: Die lieben Besserwisser

Teil 02: Das Leben und die Prägungen

Teil 03: Der Mensch im Besserwisser

Teil 04: Besserwisser zwei linker Hände wegen

Teil 05: Besserwisserin

Wird fortgesetzt …

Wann wirst du endlich erwachsen?
Sei doch realistisch!

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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