Besserwisser zwei linker Hände wegen

Mit Besserwissern & Co. souverän umgehen; Teil 04

Besserwisser 04

Im dritten Teil der Betrachtungen »Mit Besserwissern & Co. souverän umgehen« hieß es:
Ein Besserwisser ist auch nur ein Mensch. Auch er geht durch das Leben und versucht es, mit seinen Prägungen und seiner Abwehr zu meistern. Wer auf seine Vergangenheit ehrlich zurückblickt, entdeckt Augenblicke in seinem Leben, in denen er selbst ein Besserwisser war – aber heute sich darüber ärgert oder schmunzelt, wenn es die Reife zulässt.

Einige Beispiele aus dem Leben und der Beratungspraxis können diesen Menschen im Besserwisser erkennen lassen – oder den Menschen in einem geplagten Menschen, der sich mit einer Besserwisserei oder einer anderen Eigenschaft schützt.

Ursprünglich hatte ich vor, die Beispiele mit 2-3 Sätzen zu skizzieren. Einige Beispiele werde ich jedoch ein wenig ausführlicher gestalten. Die verwendeten Vornamen sind frei erfunden.


Peter hörte in den jungen Jahren von seinem Vater wiederholt: »Du hast zwei linke Hände«. Der handwerklich talentierte Vater verbat Peter den Zutritt in die Werkstatt. Seine Begründung: »Du hast zwei linke Hände, du machst da alles kaputt«.

Kinder wollen ihren Eltern glauben; das gibt einen Halt im Leben, Söhne versuchen, sich primär nach dem Vater zu orientieren, Töchter nach ihren Müttern. Und Peter glaubte seinem Vater. Erst sein Onkel, der ihn in seine Werkstatt mitnahm, brachte ihm Drechseln und Holzschnitzen bei. Eine dieser Arbeiten zeigte Peter seinem Vater, der dies für ihn typisch quittierte: »Das hast du nicht gemacht. Du kannst so was nicht«. Auch wenn Peter bei seinem Onkel drechselte und schnitzte, wirkte die väterliche Überzeugung von zwei linken Händen unbewusst weiter: »Der Vater muss es doch wissen«.

Das Wissen

Peters Leidenschaft war das Lesen. Er las, wo und was er konnte, sofern es heimlich war, da Lesen in den Augen seines Vaters ein weiterer Beweis für die zwei linken Hände war. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wurde zunehmend von Hass geprägt. Peters Selbstwert litt darunter, er zog sich zurück, um noch mehr zu lesen. »Die Bücher waren meine Freunde«, offenbarte er im Therapiegespräch.

Bis Peter realisierte, dass er über ein umfangreicheres Allgemeinwissen verfügte, als sein Vater. Das ließ er ihn fortan spüren. Das Verhältnis zwischen den beiden verschlechterte sich weiter und sollte sich nicht mehr bessern. Sie redeten kaum miteinander.

Selbstwert

Im hohen Alter hörte Peter vom Vater: »Du hältst mich für blöd«. So wurde Peter bewusst, dass auch sein Vater litt, dass seine Reden von den zwei linken Händen auch ihren Grund hatten, genauso wie Peters Triumphe mit seinem Wissen. Beide hatten ein Selbstwertthema. Der eine versuchte das mit seinen Händen zu kompensieren, der andere mit seinem Kopf.

Peter brauchte einige Jahre, bis er sich sein Selbstwertgefühl erarbeitete. Lange machte er den Vater für seinen mangelnden Selbstwert verantwortlich. »Es war ein Stück bequem, anderen die Schuld zu geben«, weiß er heute.

Besserwisser

Von Peters umfangreichem Allgemeinwissen und seinem zukunftsgerichteten, technischen Beruf war der Weg zum Besserwisser ein kurzer. Seine Umwelt sah zwar keine zwei linken Hände bei Peter, dafür aber einen Besserwisser.

Das störte Peter nicht. Im Gegenteil, es steigerte sein Selbstwertgefühl, da er sich durch seinen Kopf und sein Wissen definierte. Das Lesen intensivierte er und ergänzte es durch Internetrecherchen. Seine Computer nutzte er für sein Knowledge Management, wie er es bezeichnete.

Seinem Vater musste er seine intellektuelle Überlegenheit nicht mehr demonstrieren. Er hatte nun andere Menschen, denen er dies zeigen konnte. »Ich konnte mich beweisen. Je häufiger Besserwisser, desto besser, je stärker, desto mehr Selbstwert hatte ich.« Und warf ihm jemand den Besserwisser vor, sah er darin den Neid der anderen.

Hinter dem Besserwisser

Peters Vater wurde ebenfalls von seinem Vater nicht beachtet. Nur in Menschen, die in hart in der Natur arbeiteten, sah dieser wertvolle Menschen. Das führte zum Selbstwertthema bei Peters Vater. Peter durfte daher nicht handwerklich geschickter sein, als sein Vater. Aus Angst davor redete der Vater von den zwei linken Händen Peters.

Peters Vater bezog seinen Selbstwert aus seinen geschickten Händen.

Peter hingegen baute seinen Selbstwert auf seinem Wissen auf. Er war kein Besserwissen des Besserwissens wegen. Zum Besserwisser wurde er, da er darin die einzige Möglichkeit sah, seinen Selbstwert aufzubauen und zu steigern.

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Teil 01: Die lieben Besserwisser

Teil 02: Das Leben und die Prägungen

Teil 03: Der Mensch im Besserwisser

Teil 04: Besserwisser zwei linker Hände wegen

Wird fortgesetzt …

Wann wirst du endlich erwachsen?
Sei doch realistisch!

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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