Besserwisser und Empathie

Mit Besserwissern & Co. souverän umgehen; Teil 06

Besserwisser 06

  • Betrachtungsweisen
  • Empathie
    - Du bist nicht mein Sohn
    - Die Klappe halten
    - Schweig, wenn Erwachsene reden
    - Den Papa nicht gerettet

 »Besserwisser und Empathie? Denen fehlt es doch daran, die sind keiner Empathie fähig, die hören keinem zu, unterbrechen ständig.«

»Ehrlich. Reden kannst du mit denen nicht, die machen wirklich alles kaputt.«

Wer hier nun Besserwisser ist, sei dahingestellt. Dennoch steht die Frage im Raum über die seltsam anmutende Verknüpfung der Besserwisser mit Empathie.

Betrachtungsweisen

Nicht jeder Mensch, der etwas mehr weiß, als einige seiner Mitmenschen, ist ein Besserwisser. Es gibt Menschen, die jahrzehntelang gelesen oder studiert haben, wobei ein Studium nicht nur auf die Lehrinstitutionen beschränkt sein muss. Womöglich fällt es ihnen leichter, einige Wissensdetails miteinander zu verknüpfen und neue Aspekte, neue Sichtweisen zu entdecken. Wenn diese Menschen ein umfangreiches Wissen in einigen Gebieten haben und sich an Gesprächen beteiligen, sind sie nicht zwangsläufig Besserwisser.

Sie teilen ihr Wissen gerne mit und freuen sich vielleicht, wenn sie selbst etwas Neues erfahren, wenn sie durch einen Austausch angeregt, einen Sachverhalt aus einer anderen Perspektive betrachten können.

Natürlich macht der Ton die Musik. Der Ton hängt allerdings auch vom Empfänger ab. Hat dieser ein Problem mit Menschen, die ihm widersprechen können, die etwas wissen, was ihm bisher nicht bekannt war, oder mit Menschen, die eine andere Meinung vertreten, wehrt er seine Probleme ab. Will jemand nicht hören, fühlt sich jemand leicht belehrt, wird er einen Besserwisser auch in Menschen heraushören, in denen andere einen anregenden Gesprächspartner erkennen und sich am Gespräch beteiligen.

Wer legt außerdem die Kriterien für eine Besserwisserei fest? Nicht alles, was über ein eigenes spezielles Wissen hinausgeht, ist Besserwisserei. Es kann ein Hinweis auf einen empfundenen Mangel am eigenen Wissen sein, wenn jemand oft andere so kategorisiert. Die Besserwisserei existiert dann nur im Kopf dessen, der andere so bewertet.

Wer einen Menschen einen Besserwisser schimpft, bedenke des Betrachters eines Bildes, der es pornografisch findet. Dies sagt wenig über das Bild aus, aber einiges über den Betrachter.

Empathie

Menschen, die der Besserwisserei bezichtigt werden, können empathisch sein. Dieser Beitrag handelt jedoch vorrangig von der Empathie mit den vermeintlichen Besserwissern.

Sich auch nur der Möglichkeit bewusst sein, ein Besserwisser kann empathisch sein, ist ein Akt der Empathie. Diese Empathie stempelt nicht a priori einen Menschen zum Besserwisser ab. Diese Empathie sieht den Menschen in einem Besserwisser. Diese Empathie fragt nach den Gründen der Besserwisserei.

Menschen, die als Besserwisser ankommen, sind Menschen wie du und ich, mit Prägungen und Problemen wie ein jeder Mensch auch. Jeder Mensch verdrängt zunächst unbewusst seine Themen, bis sie ihm bewusster werden, bis er sie anerkennt und dann erfolgreich bewältigen kann. Besserwisser versuchen ihre Themen mit dem Wissen abzuwehren oder ihren mangelnden Selbstwert durch ihr Wissen zu kompensieren.

Wenn diese Menschen dies erkennen, oder eine Umgebung finden, die sie so akzeptiert, wie sie sind – das kann der Partner sein –, können sie mit der Arbeit an ihrer Abwehr durch Besserwisserei arbeiten.

Das ist nicht nur eine theoretisierende Psychologie; das ist das Leben, das ist der Alltag. Kommt ein Mensch besserwisserisch an, kann das mehrere Gründe haben. Zwei Beispiele wurden bereits erläutert. Es war der Sohn mit zwei linken Händen, die ihm sein Vater attestierte. Es war die Tochter, die sich intellektuell beweisen wollte, da sie nur ein Mädchen war, an die man ohnehin keine Erwartungen stellte.

Diese Fälle sollen um wenige Beispiele erweitert werden, was die Sensibilität für die nachvollziehbaren Gründe einer Besserwisserei schärft. Einer Besserwisserei oder einer vermeintlichen Besserwisserei, da nicht jede Besserwisserei tatsächlich eine ist. Darüber jedoch in einem separaten Beitrag. Jetzt die weiteren Beispiele.

Du bist nicht mein Sohn

Ein junger Mensch hört von seinem Vater: »Du bist nicht mein Sohn«. Sieht er in seinem Vater einen intelligenten Menschen, will er ihn mit seinem Wissen vom Gegenteil überzeugen. Fehlt es dem Sohn an Selbstwert, versucht er mit diesem Wissen seinen Selbstwert aufzubauen und den Vater ebenfalls zu überzeugen oder sich über ihn zu stellen.

Die Aussage »Du bist nicht mein Sohn« scheint übrigens gar nicht so selten zu sein.

Die Klappe halten

Eine junge Frau erfährt von ihren Eltern, dass man ihre vorlaute Klappe extra erschlagen müsse, da sie ständig dazwischen rede. Ist dem tatsächlich so? Die Tochter wollte ihr Wissen aus den Büchern ihren Eltern teilen.

Manche junge Menschen werden sich tatsächlich verschließen, andere wieder versuchen es mit der Wissensteilung weiterhin. Und schon haftet ihnen das Etikett Besserwisser an.

Schweig, wenn Erwachsene reden

Ein Kind hörte von den Eltern: »Schweig, wenn Erwachsene reden«. Das führte zu einem Glaubenssatz in ihr: »Ich werde nicht gehört.« Damit sie dennoch gehört wird, redet sie mehr, als sie ohne diesen Glaubenssatz reden würde.

Ein anderer Satz, der zum vergleichbaren Ergebnis führte: »Seit wann reden die Frösche mit?«

Den Papa nicht gerettet

Einer der dramatischen und traurigen Fälle ist eine Frau, die als Kind noch erfuhr: »Du solltest den Papa retten«. Der Vater war suizidal, die Mutter wollte mit dem Kind den Lebenswillen ihres Partners stärken. Dieser beendete dennoch sein Leben mit einem Suizid.

Die Tochter fühlte sich verantwortlich für den Tod des Vaters, sie fühlte sich als Versagerin. »Ich habe den Papa nicht retten können«, war ihre Überzeugung, die ihr Leben bis ins hohe Alter hinein überschattete. Sie studierte Psychologie, um zu begreifen, warum sie versagte, was suizidal gefährdeten Menschen helfen kann. Ihr Schuldgefühl führte zu unterkühlten Analysen aller Menschen, die sie näher kennenzulernen versuchten. Dabei wollte sie lediglich eine eventuelle Suizidalität erkennen.

Das erkannten die Menschen nicht und stempelten sie zu einer akademischen Besserwisserin ab. Sie attestierten ihr außerdem gerne ein Helfersyndrom.

Hier fehlt es an Empathie. Allerdings nicht bei der Besserwisserin, sondern bei den Menschen, die sie leichtfertig zu einer Besserwisserin oder hilflosen Helferin degradieren.

Wird fortgesetzt.

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Teil 01: Die lieben Besserwisser

Teil 02: Das Leben und die Prägungen

Teil 03: Der Mensch im Besserwisser

Teil 04: Besserwisser zwei linker Hände wegen

Teil 05: Besserwisserin

Teil 06: Besserwisser und Empathie

Wann wirst du endlich erwachsen?
Sei doch realistisch!

Jan Schneider, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein
Jan
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