Aneignungen

Aneignungen

Inspiriert durch das 369. Bild der Woche.

Florale Aneignung

Ein bunter und warmer Herbst. Ein gewohntes, unspektakuläres Bild möchte man meinen. Doch was im Vordergrund nach Baumstämmen aussieht, sind keine Baumstämme. Es sind die Schatten anderer Bäume. Diese Bäume stehen im Westen, wodurch ihre Stämme durch die tief stehende Sonne lange Schatten werfen.

Dann aber das Wort Aneignung, mit dem manche so gerne arbeiten – oder es missbrauchen. Der Aneignung machen sich die Bäume im Osten schuldig, indem sie sich die Schatten der Bäume im Westen aneignen.

Betrachtet man diese Aufnahme, kann der Glaube daran schwerfallen. Dennoch sind es Fakten. Ich schwöre es nicht, da Schwüre nicht zu meinem Repertoire gehören, auch nicht die scheinbar harmlosen. Zu nahe können Schwüre und Karma zusammenliegen [*].

So sage ich lediglich, dass dies den Tatsachen entspricht, was die EXIF-Daten (diese Daten speichern die Digitalkameras zusammen mit dem Bild ab) der Aufnahme belegen. Es ist ein später Nachmittag, der Blick ist gen Osten gerichtet.

Linguistische Aneignungen

Ist es schade, dass die Naturbetrachtung solche Assoziationen weckt? Ich konnte darüber schmunzeln, insofern schadet mir dies nicht. Obendrein verhalf die Natur damit zum Thema des Newsletters.

Ein Traktat über die kulturelle oder andere Aneignungen schreibe ich nicht. Nur einige wenige Gedanken dazu.

Das Oktoberfest ist vorbei. Wie viele Trachtenträger trugen die Tracht ihrer Region? Und wie viele der Trachtenträger stammten aus Bayern? Kulturelle Aneignung en masse.

Alle lebenden Sprachen sind voller linguistischer Aneignungen. Auch Deutsch hätte nur einen Bruchteil der Wörter, wenn man fremdsprachige Aneignungen ideologisch vermeiden möchte. Alle Worte mit englischen, französischen, arabischen, jüdischen oder anderen Wurzeln müssten eine Aneignung sein. Alle mit lateinischen oder griechischen Wurzeln ohnehin. Natürlich auch alle Anglizismen.

Gut, man könnte dies linguistische Übertragung nennen – sofern man kein Engländer ist. Ich dürfte so keine Newsletter schreiben und versenden, sondern nur noch Neubriefe. Wollte man all dies zu einer Aneignung erklären und sie aus der eigenen Sprache verbannen, bestünde die Kommunikation aus dem Austausch von Emojis. Doch Emojis gehörten dann ebenfalls zu den linguistischen Aneignungen.

So würde einem ideologischen Korrektheitswächter nach unsere Kommunikation aus Lauten bestehen, die unsere menschlichen Vorfahren benutzten. Mal grunzen, mal knurren, oft gestikulieren. Solange zumindest bis ein ausgefuchster Wächter darin eine kulturelle Aneignung aus dem Tierreich entdeckt.

Und ich könnte den Aufwand für meine Neubriefe drastisch reduzieren. Ein Foto, einige Laute dazu und ab geht die Post. Erinnert das nicht an einige Social Media Kanäle? Entschuldigung, was die Post betrifft, das ist erneut eine der ungezählten Aneignungen aus der lateinischen Kultur.

[*] Seelenpartner, Scheidung, Schwüre und Versprechen - Wie unbedachte Worte zu karmischen Bindungen werden

Jan Norman, Autor

Herzlichst, Ihr / Dein Jan Norman
Jan
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